Haydn hielt es bis zum Tode Maria Annas 1800 aus, 40 Jahre – damals ließ man sich nicht so schnell scheiden. Aber er hatte seine Affären. Als 47-Jähriger verliebte er sich glühend in die 25 Jahre jüngere Sopranistin Luigia Polzelli, die mit ihrem Mann, einem Geiger 1779 an den Hof Esterházy gekommen war. Für sie schrieb er etliche Opernpartien, mit ihr hatte er, dessen Ehe kinderlos blieb, insgeheim einen Sohn.
An diese Liaison erinnert die CD „Arie per un’amante“ (Deutsche Harmonia Mundi), auf der Nuria Rial Arien singt, die Haydn seiner Geliebten in die Kehle komponierte – leichtgewichtige Einlagen zu Opern anderer Komponisten. Rial klingt mal neckisch, mal keusch, saftigere Töne bringt Mezzosopranistin Margot Oitzinger ein, das L’Orfeo-Barockorchester unter Michi Gaigg passt sich geschickt an. Dass die Oper nicht Haydns Metier und die vokale Fähigkeit der Polzelli begrenzt war, verrät die hübsche Platte allerdings auch.
Zum Jubiläum überschlagen sich Firmen mit dicken Boxen. So hat Decca u.a. Antal Dorátis Gesamteinspielung aller 107 Sinfonien in einer 33-CD-Box günstig wieder aufgelegt. Was der Dirigent aus der westfälischen Philharmonia Hungarica, einst als „Feuerwehrkapelle Marl“ verspottet, 1971 bis 1973 herausholte, ist noch immer sensationell – gerade bei den frühen und mittleren Sinfonien.
Sehr zu rühmen sind auch die Aktivitäten der niederländischen Billig-Firma Brilliant, die – mit historischem Instrumentarium – auch Abwege vom Repertoire beackert. So hat das Esterházy-Trio auf 21 CDs erstmals die gut 100 Trios mit Baryton eingespielt, einem celloähnlichen Instrument mit Zupfsaiten, das Fürst Nikolaus Esterházy sehr liebte, das aber bald trotz seines anmutigen Klangs aus der Mode kam.
Noch bedeutender wohl ist die erste Gesamtaufnahme der 429 schottischen und walisischen Lieder, die Haydn anlässlich seiner Englandreisen von 1792 bis 1803 für Sopran, Tenor und Klaviertrio arrangierte. Loran Anderson, Jamie MacDougall und das Haydn-Trio Eisenstadt finden nicht nur den richtigen Ton für die teils spaßig-derben, teils innigen Gesänge, sie machen auch deutlich, dass Haydns Spätwerk schon in die Romantik weist.
Das gilt noch mehr für sein letztes Oratorium „Die Jahreszeiten“, von dem Nikolaus Harnoncourt eine mustergültige Neuaufnahme vorlegt. Man weiß, dass Haydn mit seinem Textdichter Gottfried van Swieten sehr im Streit lag. Der jubelte den Bauern ein „Lob des Fleißes“ unter, wo Haydn, der vom Lande kam, doch wusste, dass sich Preis keineswegs immer auf Fleiß reimt. Auch machte van Swieten dem Komponisten musikalisch Vorschriften, so dass sich Haydn bis zur Erschöpfung eingeengt fühlte.
Harnoncourt macht all das vergessen. Er achtet beim Gang vom Frühling bis zum Winter darauf, dass seine vorzüglichen Solisten Genia Kühmeier, Werner Güra und Christian Gerhaher, der Arnold-Schönberg-Chor und der Concentus musicus Wien nie banal über die Stränge schlagen. Der Dirigent muss wie Haydn niemandem mehr etwas beweisen – so erlebt man, dass das Alterswerk genau die nötige Portion Altersweisheit erhält.
