
Stimmt der Eindruck, dass das traditionelle Musizieren immer weniger junge Leute interessiert?
Das kann ich nicht bestätigen. Nach meiner Erfahrung geht das Interesse am häuslichen Musizieren und an klassischer Musik nicht zurück. Im Gegenteil: Unsere Schülerzahlen steigen.
Aber ist die Situation für die Schüler nicht schwieriger geworden?
Zweifellos wird das Zeitfenster immer kleiner, während das Niveau bei Wettbewerben wie „Jugend musiziert“ steigt. Viele Schüler haben 35 Wochenstunden, hinzu kommt das fehlende Schuljahr. Da erleben wir es immer wieder, dass sich Schüler für die schöne Zeit bedanken, aber den Instrumentalunterricht aus zeitlichen Gründen aufgeben.
Viele Eltern spielen selbst kein Instrument mehr. Schlägt das in die nächste Generation durch?
Es gab gerade Anfang der 90er Jahre eine Zeit, in der die „harten“ Fächer wie Deutsch und Mathematik gegenüber Musik, Kunst und Sport stark bevorzugt wurden. Wenn aber ein Schüler womöglich keine einzige Musikstunde erlebt hat, fällt es natürlich schwer, bei den eigenen Kindern Begeisterung dafür zu wecken. Hier würde ich gern das Angebot in Richtung Erwachsenenbildung erweitern.
Wie können Sie den Entwicklungen in Schule und Elternhaus entgegensteuern?
Wir haben umgestellt, sind selbst aktiv geworden. Unsere Lehrer gehen vormittags in die Kindertagesstätten und Schulen. Das funktioniert in etlichen Fällen hervorragend: Da werden dann etwa zwischen zwei Stunden Mathe und Deutsch kleine Gruppen beim Instrumentalunterricht betreut. Besonders hilfreich ist es, wenn die Musiklehrer an den Schulen selbst Ensembles anbieten, in denen das Gelernte angewendet werden kann.
Welche Instrumente sind denn aktuell besonders beliebt?
Ein Dauerbrenner ist das Klavier. Auch Gitarre boomt wie verrückt. Die Zahlen bei den Streichern sind stabil, deutlich weniger gefragt werden Klarinette, Fagott und Oboe, ebenso klassisches Schlagzeug. Rückläufig sind die Anmeldungen auch beim einst so beliebten Keyboard – da haben viele wohl gemerkt, dass das musikalisch in eine Sackgasse führt. Der Trend geht ganz klar zu akustischen Instrumenten.
Ist es in Zeiten, in denen Talentshows uns vorgaukeln, man könne auf die Schnelle ein Superstar werden, schwerer, den Sinn des Übens klarzumachen?
Ganz junge Schüler sagen zwar: „Wenn ich Gitarre gelernt habe, lerne ich Klarinette und dann Klavier.“ Aber die meisten jungen Leute wissen schon, worauf sie sich einlassen, wenn sie auf einem Instrument anfangen. Es dauert mindestens zehn Jahre, bis man einigermaßen auf Profi-Niveau musizieren kann. Daran hat sich nichts geändert.
Schrecken womöglich die Kosten manchen Interessenten ab?
Das glaube ich nicht. Allein 60 000 Euro unseres Etats investieren wir jährlich in Ermäßigungen. Es gibt Sozialermäßigungen von 25 oder 75 Prozent, je nach Familien-Nettoeinkommen, Geschwister-Mehrfächerermäßigung und Stipendien für besonders erfolgreiche Schüler und nicht zu vergessen den Bildungsgutschein. Jeder, der will, hat die Chance, ein Instrument zu lernen.
Von politischer Seite wurde in den vergangenen Jahren wiederholt gefragt: „Können wir uns eine Musikschule leisten?“ Die Antwort war stets „Wir müssen sie uns leisten“. Ist das ein Ansporn?
Klar. Für uns ist wichtig, dass wir in der Breite aktiv sind und zeigen, was unsere Spitzen leisten. Derzeit haben wir starke Klavierklassen, junge Talente wie Glen Hoffmann und Armando Balke setzen Maßstäbe bei „Jugend musiziert“ – das hat eine Sogwirkung auch auf andere. Und wenn jüngst bei den Hausmusiktagen ein 14-jähriger Trompeter wie Paul Gertken das Haydn-Konzert so bläst, wie es einem Hochschulabgänger gut zu Gesicht stände, dann bin ich wirklich stolz.
