Von Anne Stürzer
Drinnen im Atelier ist das Karnickel bei weitem nicht der einzige künstlerische Gast. An den Wänden, auf dem Fußboden, im Treppenhaus, auf der Fensterbank, in Mappen und in einem Ständer gibt es Ölskizzen, Lithografien, Holzschnitte, Siebdrucke, Fotografien, Collagen, Radierungen und Aquarelle im Überfluss. Die schiere Menge verwandelt das kleine Häuschen in ein Gesamtkunstwerk, das beredt davon Zeugnis ablegt, wie beliebt dieser Ort bei den Bewohnern auf Zeit ist.
Für die Gastkünstler, die seit nunmehr 25 Jahren im Wilke-Atelier arbeiten, ist es ein paradiesischer Ort. Die Stipendiaten aus aller Welt können sich in dem Atelier am Alten Vorhafen ungestört entfalten. Doch das Paradies hat in letzter Zeit einige Risse bekommen. Um diese auszubessern, braucht der rührige Wilke-Verein dringend Geld. 20 000 Euro kostet die Erneuerung der Holzfassade. Deshalb bat der Verein ehemalige Stipendiaten, Werke für eine Verkaufsausstellung zu spenden, deren Erlös der Renovierung zugute kommen soll. 48 Künstler sind in der Schau, die gestern eröffnet wurde, vertreten.
Diese Resonanz zeigt, wie gern die kreativen Geister in Bremerhaven Station machen. Der Maler Roland Franke spricht für viele, wenn er feststellt: „Dieser Ort ist für mich Heimat geworden, ein Ort, an den ich viel zu selten zurückkehre, der aber einen festen Platz in meinem Leben und vor allem in meiner malerischen Entwicklung hat.“
Sie ermöglichen den Bremerhavenern einen anderen Blick auf das scheinbar bekannte Bremerhaven. Die Ergebnisse künden von den oft übersehenen Schönheiten des Hafens, rücken die Kräne und Aufbauten ins rechte Licht. Da gibt es Künstler wie Roland Franke, der Hafenanlagen als archetypische Landschaft begreift, andere wie Philine-Johanna Kempf, die sich von den Container-Riesen herausgefordert fühlt. Monika Sievekings Figur umschwirren kreischende Möwen, Johannes Eidt zerlegt sein Schiff in die Grundformen. Andi Schmitt lässt sich von den Wolkenformationen inspirieren und malt den Himmel über der Küste.
Natürlich gibt es auch Arbeiten, die gar nichts mit der Seestadt und dem Wasser zu tun haben wie die Gaze-Frau von Tina Stoldt, der Blumenstrauß von Marianne Siedenstein-Berwig, die Anemonen und Fresien von Rodolfo Casanova und, und, und.
Bei dieser reichen Ausbeute reiben sich viele Betrachter erstaunt die Augen. Und wenn sie in ein paar Tagen noch einmal in der Künstlerklause vorbeischauen, könnte dort alles schon wieder anders aussehen. Immer wenn ein Bild verkauft wird, soll ein anderes an seine Stelle rücken. So ist im Atelier am Vorhafen alles im Fluss.
