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Aus Klavier- und Streichertiefen kommt die Kraft

Bremen. Sensation lag in der Luft. Kein Platz blieb leer in der Glocke, vom Zusammentreffen der Pianistin Hélène Grimaud und des Dirigenten Vladimir Ashkenazy im Schlusskonzert des Bremer Musikfests erwartete man sich die Krönung der drei klangvollen Wochen. Und es wurde sensationell.

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Er weiß riesige Bögen zu spinnen: Dirigent Ashkenazy. Foto: dpa

Von Sebastian Loskant

Schnell erwies es sich als Vorteil, wenn ein Pianist, der Sergei Rachmaninoffs 2. Klavierkonzert c-Moll op. 18 von 1901 selbst begnadet zu spielen weiß, den Taktstock hält. Ashkenazy gestaltete eine organische Orchesterfolie, in der das Klavier mitunter fast aufging. Dabei machte er klar, dass sich das gesamte Werk aus einer dunklen Grundtönigkeit entwickelt, dass die von Schallplatten gewohnte Transparenz nicht der Weisheit letzter Schluss ist.

Freilich braucht man dazu einen Klangkörper wie das Philharmonia Orchestra London, dessen 50-köpfige Streichergruppe eine schier unglaubliche Farbkraft besitzt. Dabei sparte sich Ashkenazy, ganz kluger Dramaturg, das volle Schwelgen bis ganz zuletzt auf.

Denn die „Leitwölfin“ war doch Hélène Grimaud. Sie gab mit ihren acht dunkel leuchtenden Eröffnungsakkorden den Ton für alle drei Sätze vor, machte quasi hörbar, wie sich Rachmaninoff hier aus einer Schaffenskrise befreit hat. So kraftvoll die Solistin das Virtuosenstück anpackte, mal nervös gespannt, mal elegisch ruhig: Ihr Spiel wirkte immer sehnig-elastisch, nie angestrengt.

Der zum Hollywood-Kitsch geronnene zweite Satz klang nun so traumverloren, dass das Publikum wie erstarrt lauschte. Die Originalitäten des Finales wurden ebenfalls nicht plumpenen Effekten preisgegeben. Dem verweigerte sich die feinnervige Künstlerin auch in der stehend eingeforderten Zugabe, der versponnenen 3. Etüde aus den Études-tableaux op. 33. Eine Vorlage für den harten Brocken, der nach der Pause folgte.

Schneidende Aufschreie

Denn in Dmitri Schostakowitschs 8. Sinfonie, im Kriegsjahr 1943 parallel zur berühmten „Leningrader Sinfonie“ entstanden, scheint Orientierungs- und Fassungslosigkeit zum Stilprinzip erhoben. Deutlichkeit herrscht nur in der Grimasse, den Grotesk-Märschen und Trompetensignalen.

Mehr als sonst verweist der Komponist auf die Einsamkeit und Traurigkeit eines Künstlers in einer Welt, deren Brutalität vernichtend wirkt. Die schneidenden Aufschreie im ersten Satz, das Kreiseln der zentralen Toccata und das stille Erlöschen am Ende sprechen eine deutliche Sprache.

Mit zwingender Logik, mit nie erlahmender Intensität warb Ashkenazy für diese Sinfonie, mit schlichten Gesten erschuf dieser freundliche, grauhaarige Musiker eine Welt des Schreckens, schien er ganz langsam durch Pablo Picassos Bild „Guernica“ zu führen.

Ausgiebig konnte man überdies die fabelhaften Bläsergruppen bewundern, von der Direktheit der Piccoloflöten über die Brillanz der Fagotte bis zur noblen Urgewalt des tiefen Blechs. Das einst als Schallplattenensemble gegründete Philharmonia Orchestra setzte einen kaum überbietbaren Standard.

Riesenjubel auch hier: Zwar lief in London (und im Radio) parallel „The last night of tue Proms“, aber in Bremen hätte wohl kaum ein Hörer tauschen wollen.

Artikel vom 14.09.09 - 16:00 Uhr
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