Nachhaltige Nachwuchsarbeit
Die ZDF-Reihe "Das Kleine Fernsehspiel" geht ab 8.11. mit aufregenden Filme in eine neue Runde
Christel ist eine Frau, wie man sie sich fürs Fernsehen wünscht. Die vierfache Mutter, die lange als Sekretärin arbeitete, beschließt mit immerhin 48, ihrem Leben noch einmal eine radikale Wende zu geben: Sie wird Prostituierte - und das aus freien Stücken, weil sie den Sex liebt und mit den starken Medikamenten, die sie gegen Depressionen nehmen musste, ihre Libido allzu lange unterdrückt hatte. Jetzt geht sie einem erfüllten Berufsleben nach - das sie glücklich macht und für das sie sich nicht verstecken möchte. Dass Saara Aila Waasner die mutige Frau gefunden und zum Auftritt in ihrem Dokumentarfilm "Frauenzimmer" überreden konnte, ist ein Glücksfall. Und der fertige Film, der am Montag, 8. November, 0.05 Uhr, ausgestrahlt wird, ist ein schöner Beweis dafür, dass auch sehr ungewöhnliche, riskante Themen, in der rührigen ZDF-Reihe "Das Kleine Fernsehspiel" bestens aufgehoben sind. Mit vier neuen Filmen, die von der Redaktionsleiterin Claudia Tronnier unter das Motto "100% Leben" gestellt wurden, geht die Nachwuchsreihe in die Herbstsaison.

Unermüdlicher Einsatz für junge Talente, von links: Fernsehspiel-Leiterin Claudia Tronnier, Produzentin Caroline Daube, Regisseurin Saara Aila Waasner und Redakteur Frank Seyberth stellten in der Münchner Journalistenschule den ungewöhnlichen Dokumentarfilm "Frauenzimmer" vor.
Bild von: ZDF / Sebastian Widmann
"So einfach kommt man sonst nie an Protagonisten heran", freut sich Saara Aila Waasner noch immer. Im Freundeskreis hatte sie erfahren, dass eine Patentante sich freiwillig zum Schritt in die Prostitution entschlossen hatte - und das mit über 60 Jahren! Sofort wurde die Jungfilmerin hellhörig und begann zu recherchieren, ob es ähnliche Fälle von selbstbestimmter Sexarbeit in Deutschland gibt. Zunächst hatte sie über Suchmaschinen im Internet die einschlägigen Reizwörter eingegeben - und wurde schnell fündig. "Das Praktische war: Bei den Namen der Frauen standen stets die Telefonnummern dabei", sagt Waasner über ihre prickelnden Funde.
Doch vom ersten Kontakt bis hin zum Interview vor der Kamera war es natürlich ein langer Weg, bei dem die Filmemacherin nach und nach das Vertrauen ihrer "Frauenzimmer" gewinnen musste. Rund 80 Profi-Prostituierte hatte sie angerufen, sich mit 30 deutschlandweit getroffen - drei schafften es in den fertigen Film, auf den man beim ZDF besonders stolz ist. Und das, weil er so anders ist als die üblichen reißerischen Privat-TV-Sensationsberichte.
"Für Christel, Paula und Karolina sind es ganz unterschiedliche Gründe, warum sie sich für den stigmatisierten Beruf der Sexarbeiterinnen entschieden haben", sagt Frank Seyberth, der als ZDF-Redakteur die Entstehung des Films begleitet. "Dabei leben sie in einer Welt, die weit weniger von Bahnhofsmilieu und roter Meile, als vielmehr von einem überraschend bürgerlichen Alltag geprägt ist."
Weil sie mit den drei Berlinerinnen aus dem Film ganz unverblümt auf Augenhöhe reden wollte, verbot es sich für Saara Aila Waasner von selbst, ihre Gesprächspartner etwa mittels schwarzer Balken im Gesicht unkenntlich zu machen. "Das hätte das Thema in eine kriminelle Richtung gedrängt", sagt sie im Rückblick. "Ich interessiere mich aber nicht für die Sensation." Ihr Produzentin Caroline Daube, die den brisanten Stoff mitentwickelt hatte, pflichtet ihr bei. "Es ist kein Film über Prostituierte", sagt sie, "sondern einer über das Älterwerden. Es geht um Frauen, die 68 verpasst und sich später erst befreit haben".
"Manchmal liegen die Themen einfach in der Luft", freut sich Claudia Tronnier über den sehr "debattenfähigen Film", der trotz seiner langen Vorlaufzeit von allein über neun Monaten Recherche perfekt in die angespannte Diskussion um Hartz IV-Förderungen und den verzweifelten Mut zur Selbstbestimmung passt. "Unser Qualitätsstandard ist die Sorgfalt", erläutert die ZDF-Redakteurin, die für die traditionsreiche Reihe "Das kleine Fernsehspiel" seit 2008 als Leiterin zuständig ist. Über 500 Stoffe und Drehbuchideen werden ihrem Team pro Jahr angeboten, acht Redakteure wälzen die Akten, um letztlich die Perlen zu entdecken, die das ZDF als vielversprechende Nachwuchsfilme fördert. 2010 hat die Redaktion bereits 23 Neuproduktionen angeleiert, viele davon in Koproduktionen - einige der Filme schaffen es vor der ZDF-Ausstrahlung sogar zu einem Kinostart.
Das Besondere ist die inhaltliche Offenheit. Von einem "nicht formatierten Sendeplatz", montags kurz nach Mitternacht, spricht Claudia Tronnier und meint damit, dass es in der ansonsten auch bei den Mainzern fest durchgeplanten Programmwoche für "Das Kleine Fernsehspiel" keine allzu rigiden Vorgaben hinsichtlich Filmlänge oder Genre gibt. Fiktionale Stoffe werden genauso gefördert wie Dokumentarisches. "Es gibt Quotenhoffnungen", sagt Tronnier, "aber keine Quotenvorgaben". Ohne den starren Leistungsdruck bietet die 1963 etablierte Reihe Talenten ein faires Experimentierfeld. In der Regel liegt der Marktanteil der ausgestrahlten Filme bei rund sechs Prozent.
Einen sehr spannende Blick auf ein nur vermeintlich vertrautes Problem der verlorenen Heimatidentität ermöglicht der Film "Wir sitzen im Süden" von Martina Prießner. Darin bringt die Regisseurin Türken, die lange in Deutschland gelebt haben und heute dank ihrer perfekten Sprachkenntnisse für Callcenter in Istanbul arbeiten, vor die Kamera. Das Gefühl, am falschen Ort zu sitzen, vereint die Bewohner einer "deutschen Parallelgesellschaft" am Bosporus. Bewegend auch das Thema des Dokumentarfilms "Wärst du lieber tot?", in dem Christina Seeland Schwerstbehinderte bei ihrem täglichen Ringen um Selbstbestimmtheit begleitet. Und auch Maike Conways "Chancen", eine Langzeitreportage über ein Münchner Musikprojekt, das unterprivilegierten Jugendlichen neuen Mut geben soll, erzählt vom schmalen Grat zwischen Hoffen und Verzweifeln.
Die inhaltliche Offenheit der Reihe stellt allerdings die Zuschauer häufig auf eine spannende Probe. "Niemand weiß, was auf dem Sendeplatz zu erwarten ist", sagt Claudia Tronnier. Dass der angestammte Reihen-Name möglicherweise falsche Erwartungen wecken könnte, will sie gar nicht verleugnen. Nicht jeder Film ist wirklich ein "gespieltes Fernsehspiel", sagt sie. Und der Zusatz "klein" bezog sich in den Gründungsjahren, als hier Talente wie Rainer Werner Fassbinder oder Alexander Kluge gefördert wurden, eher auf den Ausstrahlungsmodus. Tatsächlich waren kurze 20-Minuten-Filme gemeint, die noch dazu im Vorabendprogramm liefen.
"Wir haben immer wieder darüber nachgedacht, ob wir den Namen ändern", berichtet die Redaktionsleiterin. Aus Angst, das Stammpublikum zu verlieren, entschloss man sich aber, am Reihentitel "Das Kleine Fernsehspiel" festzuhalten. Dass dort bei der Talente-Entdeckungsarbeit nur mit "kleiner Münze" gezahlt wird, möchte Tronnier nicht bestätigen. Obwohl man nicht jedes Projekt von Aufwand und Ausführung miteinander vergleichen kann, summiere sich der Förderbetrag für einen ZDF-Nachwuchsfilm auf rund 100.000 Euro. "Das ist nicht arg viel", sagt sie. "Aber es ist auch nicht arg wenig."
Alle vier "100% Leben"-Filme der Reihe "Das kleine Fernsehspiel": "Frauenzimmer", Montag, 8. November, 0.05 Uhr; "Wärst Du lieber tot?", Montag, 15. November, 0.25 Uhr; "Chancen", Montag, 22. November, 0.00 Uhr; "Wir sitzen im Süden", Montag, 29. November, 0.20 Uhr, jeweils im ZDF.
teleschau der Mediendienst
Hoffen auf verschärfte Sprünge
Der Mann mit der gruseligen Maske
Und sie brüllen wieder
Was nun ..?

Fördern gemeinsam starke Stoffe, die es im Fernsehbetrieb nicht immer leicht haben: Claudia Tronnier und Frank Seyberth.
Bild von: ZDF / Sebastian Widmann

Dokumentarfilmerin Maike Conway und Darstellerin Pascal Momboisse präsentieren auf einer Pressekonferenz das Plakat zu ihrem Film-Projekt "Chancen".
Bild von: ZDF / Sebastian Widmann

Dokumentarfilmerin Saara Aila Waasner (rechts, mit ihrer Produzentin Caroline Daube) erzählt in "Frauenzimmer" von Berliner Seniorinnen, die sich im besten Alter freiwillig zur Prostitution entschließen.
Bild von: ZDF / Sebastian Widmann

Ehefrau und Mutter Christel (59) hat ihr Leben radikal geändert. Im reifen Alter entscheidet sie sich, wie der Film "Frauenzimmer" zeigt, zu einem sehr selbstbewussten Schritt in die Prostitution.
Bild von: ZDF / Eva Maschke

"Frauenzimmer": Die Berlinerin Paula (49) verdient bereits seit drei Jahrzehnten ihren Lebensunterhalt mit käuflichem Sex.
Bild von: ZDF / Eva Maschke

Der Dokumentarfilm "Chancen" (Regie: Maike Conway) begleitet fünf Jugendliche, die von der Bühne träumen und am Leben scheitern.
Bild von: ZDF / Moritz Teichmann

Der Dokumentarfilm "Wir sitzen im Süden" von Regisseurin Martina Priessner beobachtet vier in Deutschland aufgewachsene Türkei-Rückkehrer, die in Istanbul die Erinnerung an ihre ferne Heimat aufrecht erhalten.
Bild von: ZDF / Anne Misselwitz

"Wärst du lieber tot?": Der Film von Christina Seeland begleitet die beiden Schwerbehinderten Susanne und Jan, die auf Sylt von einem selbstbestimmten Leben träumen.
Bild von: ZDF / Tina Seeland