Eine Familiensache
Hässlich, aber herzlich: Beim Dreh zum BR-Psychodrama "Schutzlos" (Arbeitstitel)

Da heißt es immer "glamouröse Filmwelt". Für das Auge des Laien mag diese leer stehende Lagerhalle in Wolfratshausen das denkbar hässlichste Ambiente für das Basis-Camp einer Filmproduktion sein: Zum Mittagessen fand sich das Filmteam der BR-Auftragsproduktion "Schutzlos" (Arbeitstitel) in kargen, kalten, schmutzig grauen Räumlichkeiten ein. Doch Regisseur Rainer Kaufmann weiß, wie er sogar hier so etwas wie Schönheit inszenieren kann: Um während des Essens ein ungestörtes Gespräch führen zu können, lässt er einen kleinen Tisch an das große Fenster der angrenzenden Halle rücken: und sitzt speisend im Sonnenlicht, wie der einzige Gast im Grand Hotel außerhalb der Saison. So einem Profi kann man seinen Filmstoff anvertrauen. Der Bayerische Rundfunk und Drehbuchautorin Ariela Bogenberger taten das nach der Erfolgsproduktion "Marias letzte Reise" (2004) nun ein weiteres Mal. Gerade fiel die letzte Klappe für das Psychodrama.

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Regisseur Rainer Kaufmann hat das BR-Psychodrama "Schutzlos" (Arbeitstitel) abgedreht - unter anderem mit Hauptdarstellerin Nina Kunzendorf (links) und Bettina Mittendorfer.
Bild von: BR / Erika Hauri
Hauptdarstellerin ist erneut Nina Kunzendorf. "Sie hat etwas Dunkles, kann aber gleichzeitig doch eine solche Leichtigkeit entwickeln", schwärmt Kaufmann ("Ein fliehendes Pferd"). Die Schauspielerin, die 1971 in Mannheim geboren wurde und heute bei Bad Tölz wohnt, spielt die Polizistin Anja: alleinerziehend, Nachtschichten schiebend, enorm angespannt. Nachdem sie einen Verdacht auf Kindesmisshandlung vielleicht zu wenig ernst nahm, muss sie nun nach einem verschwundenen kleinen Jungen suchen. Das bringt auch ein dunkles Geheimnis ihrer eigenen Vergangenheit an die Oberfläche.

Ein schweres Thema. "Obwohl es im Polizistenmilieu spielt, ist es nicht als Krimi angelegt, sondern sehr psychologisch", erklärt Rainer Kaufmann. "Meine Befürchtung war, dass die Stimmung des Films sich auch auf die Dreharbeiten legt. Aber es ist komischerweise sehr angenehm, konzentriert und auch entspannt am Set." Sagt der Meister der wirkungsvollen Atmosphäre.

Die heitere Stimmung zwischen Nina Kunzendorf und Maximilian Brückner scheint das zu bestätigen. Der bayerische Star und saarländische "Tatort"-Kommissar, der im Anschluss auch schon wieder für den SR vor der Kamera steht, spielt Anjas Kollegen Anton. Hier kann er als Polizist auch einmal die psychologische Seite zeigen: Wie wirkt sich dieser Beruf auf einen Menschen aus? An jenem kühlen Tag im April wurde vor einem Wolfratshauser Kindergarten gedreht. Anja und Anton suchen in einem Container gegenüber nach Hinweisen. - Die Schauspieler erinnern sich an ihre eigenen Kindergartenjahre: "Ich weiß noch, dass ich einen mongoloiden Freund dort hatte", erzählt Nina Kunzendorf. "Und dass es dort zwei Ziegen gab: Liese und Lotte." Maximilian Brückner hat eine Herzschmerz-Geschichte aus Kindertagen auf Lager: "Ich verliebte mich gleich am ersten Tag. Dann kam ich heim und sagte: Mama, mein Herz tut so weh. Dann wollte ich da nicht mehr hin."

Zum Thema "Schutzlosigkeit" fällt der Schauspielerin, die selbst zwei kleine Kinder hat, ein: "Ich hasse rote Teppiche und all so was. Ganz privat gibt es natürlich unendlich viele Momente, in denen man schutzlos ist: in Konflikten oder in der Sorge um ein Kind." Großfamilienmensch Brückner pflichtet bei: "Grundsätzlich regt mich die Unfähigkeit wesentlich mehr auf, dass ich etwas für jemand anderen nicht machen kann: Ich bin irgendwo beim Dreh, und daheim passiert was." Für sich selbst ist er da zuversichtlicher: "Solange du noch selber bestimmen kannst, eine gewisse Haltung hast ... Aber ich hörte gestern einen Bericht über Folter: Da wurden Menschen gebrochen. Da war die letzte Hürde genommen."

Die BR-Auftragsproduktion der sperl + schott Film GmbH "Schutzlos" ist auch wieder so etwas wie eine Familiensache - sieht sich doch die Abteilung gerne als eine Art Film-Familie der Landesrundfunkanstalt. In sehr ähnlicher Konstellation hatte man das Projekt "Marias letzte Reise" (2004) mit Monica Bleibtreu gestemmt, das vielfach ausgezeichnet wurde: mit Drehbuchautorin Ariela Bogenberger, Regisseur Rainer Kaufmann, Kameramann Klaus Eichhammer, den Darstellern Nina Kunzendorf, Michael Fitz und Produzentin Dr. Gabriela Sperl. "Wir sind sehr engagierte Redakteure. Qualität steht im Vordergrund und wir haben unglaubliche Freiheiten für unser Programm", erklärt Bettina Ricklefs, Leiterin Fernsehfilm. "Das sind tolle Voraussetzungen, diese Sicherheit und diesen Schutz auch den Kreativen vermitteln zu können. Vielleicht zeichnet uns auch eine liebevolle Pflege in der Kontinuität aus: Im BR ein Zuhause für die Kreativen zu bieten und auch gemeinsam Entwicklungswege zu gehen." Derzeit laufen in München und Umgebung beispielsweise auch die Dreharbeiten zur Amelie-Fried-Verfilmung "Rosannas Tochter" mit Veronica Ferres.

Der Anspruch, gerade für den Sendeplatz in der Mittwochs-Primetime im Ersten, auf dem auch in der ersten Jahreshälfte von 2010 "Schutzlos" ausgestrahlt werden soll, ist hoch: "Unser Anliegen ist es, individuelle, auch sehr stark künstlerisch und ästhetisch modern geprägte Filme machen zu können. In der Bildsprache neue Wege zu gehen, thematisch zu sehen: Was ist gesellschaftlich wichtig?"

Die Themen Kindesmisshandlung und Verwahrlosung inszeniert Rainer Kaufmann, der Ariela Bogenbergers Büchern "eine unglaubliche Wahrhaftigkeit" bescheinigt, hier vor allem als persönliches Frauenschicksal: "Natürlich geht es darum: Wie verhalte ich mich einem schutzlosen Kind gegenüber? Wie verhalte ich mich richtig als Erziehungsberechtigter? Aber das Ganze spiegelt sich doch sehr in der Hauptfigur wider." Nina Kunzendorf sagt: "Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich selbst Kinder habe: Es gibt hier schon Szenen, die mich mehr berühren als bei anderen Filmen." Sowohl sie als auch Maximilian Brückner sind behütet aufgewachsen: "Wenn ichs einigermaßen so hinbekomme wie meine Eltern, dann bin ich zufrieden", sagt der 30-Jährige. "Das ist heutzutage wahrscheinlich schon eine Leistung."
teleschau der Mediendienst


Hoffen auf verschärfte Sprünge
Der Mann mit der gruseligen Maske
Und sie brüllen wieder
Was nun ..?


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Trotz des schweren Stoffs des Psychodramas "Schutzlos" (Arbeitstitel) war die Stimmung bei den Darstellern Nina Kunzendorf und Maximilian Brückner abseits der Kamera ganz entspannt.
Bild von: BR / Erika Hauri
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Gerade fiel die letzte Klappe für das BR-Psychodrama mit dem Arbeitstitel "Schutzlos". Von links: Maximilian Brückner, Kameramann Klaus Eichhammer, Nina Kunzendorf, Regisseur Rainer Kaufmann und Heinz-Josef Braun.
Bild von: BR / Erika Hauri
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Johann von Bülow (rechts) spielt in der BR-Auftragsproduktion "Schutzlos" (Arbeitstitel) den Leiter der Mordkommission, Michael A. Grimm (links) den Vater des verschwundenen kleinen Jungen.
Bild von: BR / Erika Hauri
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"Schutzlos" (Arbeitstitel): Was macht seine Arbeit eigentlich mit einem Polizisten? Kommissar Anton Kirmayer (Maximilian Brückner) sieht hilflos zu, wie seine Kollegin Anja Amberger (Nina Kunzendorf, links) die Mutter (Sarah Lavinia Schmidbauer) eines verschwundenen Kindes zu trösten versucht.
Bild von: BR / Erika Hauri
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Im Drama "Schutzlos" (Arbeitstitel) suchen sie nach einem verschwundenen kleinen Jungen. Von links: Leopold Strasser (Heinz-Josef Braun), Chef der Polizeidienststelle, Roland März (Johann von Bülow), Leiter der Mordkommission, Kommissar Anton Kirmayer (Maximilian Brückner) und die ermittelnde Polizistin Anja Amberger (Nina Kunzendorf).
Bild von: BR / Erika Hauri
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