Jürgen Becker
präsentiert acht neue Folgen "Mitternachtsspitzen" im WDR-Fernsehen (ab Sa., 28.02., 21.45 Uhr)

Die "Mitternachtsspitzen"-Rubrik "Loki und Smoky" ist mittlerweile auch bei Youtube ein Hit. Die Gesundheit des parodierten Altkanzlers Helmut Schmidt nebst Gattin liegt Showmoderator und Kabarettist Jürgen Becker deshalb ganz besonders am Herzen: "Natürlich auch um ihrer selbst willen!" Wenn das WDR-Fernsehen nun acht neue Folgen des einstündigen Kabarettdauerbrenners (ab Sa., 28.02., 21.45 Uhr) aus dem Alten Wartesaal in Köln ausstrahlt, ist das qualmende Hanseatenduo, dargestellt durch Wilfried Schmickler und Uwe Lyko, aber nicht die einzige erfreuliche Konstante. Wer wüsste das besser als der 50-jährige Kölner Jürgen Becker, der dem angenehm unverbissenen Kabarettdino seit 1992 ein rheinisches Antlitz verleiht.

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Das rheinische Antlitz der WDR-"Mitternachtsspitzen": Jürgen Becker geht seit 18 Jahren im Alten Wartesaal in Köln auf Sendung.
Bild von: WDR / Melanie Grande
teleschau: Herr Becker, sind Krisenzeiten wie diese fürs Kabarett Gold wert?

Jürgen Becker: Auf jeden Fall. Die Menschen möchten, dass die Demokratie auch unterhaltsam ist. Das ist momentan der Fall. Und das Kabarett trägt dazu bei.

teleschau: So viele satirische Steilvorlagen wie aus der aktuellen Regierung hat es seit der Kohl-Ära nicht mehr gegeben.

Becker: In der Tat. Es hätte sich auch keiner träumen lassen, dass sich die Wunschkoalition derart selbst zerlegt. Da kommt man als Kabarettist kaum noch mit. Wie ich letztens las: Zuerst war es ein schwarz-gelbes Projekt ohne Mehrheit. Jetzt ist es eine schwarz-gelbe Mehrheit ohne Projekt.

teleschau: Sie moderieren seit 1992 die "Mitternachtsspitzen". Hat sich das kabarettistische Klima in der Zeit gewandelt?

Becker: Die Feindbilder sind nicht mehr so deutlich umrissen. Früher war klar: In der einen Ecke steht Willy Brandt, in der anderen Franz Josef Strauß. Bei Angela Merkel funktioniert das nicht mehr. Sie ist der personifizierte Wechselwähler.

teleschau: Machts das schwieriger?

Becker: Ja, es geht nicht mehr holzschnittartig: Freiheit oder Sozialismus? Heute muss man differenziert hingucken: Wer bezahlt wen, und wer vertritt wessen Interessen?

teleschau: Wie gehen Sie nun eine neue Sendestaffel an? Wie ein lieb gewonnenes Ritual?

Becker: Schon. Das Schöne bei den "Mitternachtsspitzen" ist, dass Wilfried Schmickler, Uwe Lyko und ich den Großteil der Sendung selbst bestreiten. Und die geht immerhin eine Stunde. Das konnten wir uns bewahren, weil wir immer im Dritten geblieben sind.

teleschau: Gabs denn mal Überlegungen, die Sendung ins Erste zu befördern?

Becker: Immer wieder. Aber das konnten wir verhindern. Im Dritten ist die Bild- und Tonqualität genauso gut. Und es redet einem keiner rein. Man hats nur mit einer Rundfunkanstalt zu tun und nicht mit zehn. Ich glaube, das war die richtige Entscheidung. Vor 18 Jahren hätte sich keiner träumen lassen, dass wir das so lange machen können.

teleschau: Sie sind sozusagen mit der Sendung alt geworden. Auch Ihre prominenten Kabarett-Kollegen sind zumeist im gesetzten Alter. Ist Kabarett ein Auslaufmodell, oder bedarf es hier einfach einer gewissen Reife?

Becker: Letzteres. Jungkabarettisten kauft man politische Inhalte einfach nicht so leicht ab. Deshalb gilt die Faustformel: Kabarett ist Ü-40. Darunter heißt es Comedy. Bei mir war es auch so. Als Jugendlicher verehrte ich Otto Waalkes. Kabarett mochte ich lange Zeit überhaupt nicht. Diese miefigen Herren in Anzügen mit Klavier ... Das Interesse kam erst später. Mit Hanns Dieter Hüsch oder den 3 Tornados. Plötzlich merkte ich, dass es noch was anderes außer der Lach- und Schießgesellschaft gibt.

teleschau: Ist Kabarett also so eine Art "acquired taste" - wie Whisky trinken oder Klassik hören?

Becker: Man weiß halt mehr, je älter man wird. Dann kann man auch kompliziertere Texte schreiben. Das spiegelt sich beim Publikum. Das Durchschnittsalter meiner Zuschauer trifft in etwa mein eigenes.

teleschau: Was ja auch kein Makel ist ...

Becker: Nein, wenn man von der Kunst leben will, dann ist das sogar sehr vorteilhaft. Die Alten haben das Geld und sind zuverlässig. Die kommen sogar in Krisenzeiten. Ich hätte früher gar nicht gedacht, dass Kabarett so krisensicher ist. Ich dachte, daran sparen die Leute zuerst. Tun sie aber nicht.

teleschau: Gibt es eigentlich Themen, die Sie als Kabarettist nicht anpacken würden?

Becker: Körperliche Gebrechen und Naturkatastrophen. Haiti würde sich als Thema beispielsweise nicht anbieten.

teleschau: Bei Religionskritik kennen Sie hingegen keine Scheu. Sie schießen regelmäßig sowohl gegen das Christentum als auch den Islam. Überlegen Sie sich solche Pointen zweimal?

Becker: Eigentlich nicht. Ich mache die und gucke, was passiert. Natürlich bin ich schon verklagt worden, aber das lässt sich aushalten, das gehört zum Kabarett dazu. Die Aufklärung ist das Wichtigste, das wir haben. Religionskritik ist ein Teil davon.

teleschau: Das hat sich der dänische Mohammed-Karikaturist, der in seiner Wohnung attackiert wurde, womöglich auch gedacht.

Becker: Richtig, aber trotzdem darf man nicht einknicken und nichts mehr zu dem Thema sagen. Umgekehrt muss es laufen: Es muss so alltäglich werden, dass die mit ihren Drohungen nicht mehr hinterherkommen.

teleschau: Sie sind mit Ihren Bühnenprogrammen in ganz Deutschland unterwegs. Kommt der rheinische Humor überall gleich an?

Becker: Ja, beim Humorverständnis gibt es in Deutschland kaum Unterschiede. Was man ein bisschen spürt, ist der Unterschied zwischen evangelisch und katholisch. In katholischen Gegenden gibt es mehr Kabarett als in evangelischen.

teleschau: Woran liegt das?

Becker: Die katholische Haltung ist: Jetzt gehen wir erst mal in den Puff, dann haben wer dat schon mal ausm Kopp. Oder: Draufhauen, man kanns ja hinterher beichten. Diese Mentalität haben die Protestanten nicht. Es gibt auch keinen Karneval in evangelischen Gegenden. Der Katholizismus hat die Doppelmoral eingebaut, die ist fürs Kabarett und für den Karneval sehr hilfreich.

teleschau: Apropos Karneval: Was denken Sie als langjähriger Präsident der alternativen Kölner Stunksitzung eigentlich über den TV-Sitzungsmarathon, der jährlich in die Wohnzimmer schwappt?

Becker: Das ist halt eine Unterhaltungsmaschine, in der Gruppen auftreten, die das ganze Jahr über aktiv sind. Das ist aber kein Karneval. Karneval ist, wenn der Bürgermeister oder die Pfarrerin in die Bütt geht. Karnevalisierung heißt Umkehrung: Der Narr wird König, der König wird erniedrigt. Im Sitzungskarneval haben aber die Reichen und Mächtigen das Sagen. Statt der Umkehrung der Macht ist es deren Fortführung mit anderen Mitteln.

teleschau: Ist der "wahre" Karneval überhaupt im Fernsehen vermittelbar?

Becker: Karneval ist ein Mitmachfest. Und Fernsehen ist ja doch eher passiv. Insofern lässt sich das schlecht verbinden. Deswegen engagiere ich mich lieber im Kinderkarneval und baue beispielsweise mit Hauptschülern einen Wagen. Ich sehe das wie Joseph Beuys: Jeder Mensch ist ein Künstler. Jetzt steckt nicht in jedem ein Bildhauer oder Maler. Aber jeder kann was. Und Karneval ist eine super Zeit, das umzusetzen.

teleschau: Die Hauptschüler liegen Ihnen besonders am Herzen?

Becker: Ja, ich finde, dass unser Schulsystem die Kinder zu früh bewertet. Der eine geht aufs Gymnasium, der andere zur Hauptschule. Mit dieser Trennung verweigert man vielen Kindern eine echte Chance. Sehen Sie sich Franz Müntefering an! Der hat es mit seinem Volksschulabschluss zum Vizekanzler gebracht. Oder Gerhard Schröder, der aus ärmsten Verhältnissen stammt: rauf zum Bundeskanzler, runter zum Gasmann. Diese Durchlässigkeit ist wichtig.

teleschau: Sie selbst sind zweimal sitzen geblieben und sogar von der Schule geflogen.

Becker: Ja, deshalb sage ich, man darf die Kinder nicht zu früh aufgeben. Ich verstehe nicht, warum wir an diesem alten Ständedenken festhalten: Der eine wird Handwerker, der andere Akademiker, das hat sich überholt. Mir kam sehr zugute, dass die SPD damals den zweiten Bildungsweg eingeführt hat.

teleschau: Sie machten sich in der Folge mit einer Druckerei selbstständig. Können Sie beim Thema verantwortungsvolles Unternehmertum mitreden?

Becker: Ich bekam als Jugendlicher eine Lehrstelle, obwohl ich ein sehr schlechtes Zeugnis hatte. Das habe ich mir gemerkt: Vor meiner Druckerei stand einmal ein niederländisches Mädchen, das von einem Rheinschiff kam. Sie wollte eine Lehre als Druckvorlagenherstellerin machen. Also rief ich bei der Industrie- und Handelskammer an, wo man mir schließlich sagte: "Herr Becker, wir machen das so: Das Mädchen macht bei Ihnen drei Jahre die Ausbildung. Wenn sie die Prüfung besteht, dann bekommen Sie rückwirkend die Ausbildungsberechtigung." (lacht) Fand ich eine super Lösung! Heute ist sie Geschäftsführerin. An solchen Sachen hängt es: Dass man auch mal unkonventionelle Wege geht.

teleschau: Hätte uns der "rheinische Kapitalismus", über den Sie in einem früheren Bühnenprogramm referierten, vor der Wirtschaftskrise bewahrt?

Becker: Eine Gesellschaft muss darauf achten, dass es kapitalismusfreie Zonen gibt, die das Ganze stabilisieren: öffentlich-rechtliches Fernsehen zum Beispiel. Man darf nicht alles dem freien Markt überlassen. Der regelt eben nicht alles, wie man jetzt in der Krise sieht.

teleschau: Wie geht der Kölner mit der Krise um? Hätt noch immer jot jejange?

Becker: Die Kölner versaufen ihr Geld gerne. Das ist auch gut so, das kommt der Wirtschaft zugute. Wir geben auch das Geld aus, das wir nicht haben, die Regierung macht es ja vor.

teleschau: Eigentlich eine wunderbare Haltung!

Becker: Auch die hat ihre Wurzeln im Katholizismus. Der Rheinländer nimmt Gott wie eine Hausratsversicherung: Er glaubt an Gott, weil man ihn vielleicht noch mal gebrauchen kann. Darin zeigt sich eine philosophische Grundhaltung: Nichts ist so schlecht, dass es nicht noch für irgendwas gut ist.

teleschau: Zeigen Sie deshalb so viel Milde bei Ihren Kabarett-Opfern? Zur Cholerik wie Ihr "Mitternachtsspitzen"-Kollege Wilfried Schmickler neigen Sie zumindest nicht ...

Becker: Ich weiß ja, dass ichs selbst auch nicht besser machen würde als unsere Politiker. Viele sind ja redlich bemüht, das Richtige zu tun. Deshalb kann ich gar nicht so hart mit ihnen ins Gericht gehen, wie das Kollegen von mir machen. Aber ich bin froh, dass sies machen (lacht).

teleschau: Herr Becker, haben Sie abschließend noch ein versöhnliches Wort für den 1. FC Köln übrig?

Becker: Den FC verfolge ich nur am Rande, aber es ist schon schön, dass es ihn gibt. Beim FC bewahrheitet sich die rheinische Philosophie: erfolgreich scheitern. Eine große Kunst!
teleschau der Mediendienst




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Immer schön im Dritten bleiben: Jürgen Becker in seiner Paraderolle als "Heimathirsch".
Bild von: WDR / Dietmar Seip
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Kabarett soll auch Spaß machen: Jürgen Becker beherzigt diese Maxime als Moderator der WDR-"Mitternachtsspitzen" seit 1992.
Bild von: WDR / Melanie Grande
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"Der Katholizismus hat die Doppelmoral eingebaut, die ist fürs Kabarett sehr hilfreich": Jürgen Becker macht bei den "Mitternachtsspitzen" regen Gebrauch.
Bild von: WDR / Melanie Grande
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Schießt scharf, aber nicht unter die Gürtellinie: Jürgen Becker hat für seine politischen Kabarett-Opfer mitunter sogar Verständnis.
Bild von: WDR / Melanie Grande
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Bierlaune in Ballonseide: Jürgen Becker (links) und Wilfried Schmickler in der "Mitternachtsspitzen"-Rubrik "Spitz und Spitz".
Bild von: WDR / Melanie Grande
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