Ulrike Krumbiegel
spielt in "Jenseits der Mauer" (Mi., 30.09., 20.15 Uhr, ARD)

Als im Sommer und Herbst 1989 die DDR unterging, befand sich Schauspielerin Ulrike Krumbiegel im Epizentrum des Geschehens: Am Deutschen Theater Berlin, einem der geistigen Zentren des Widerstands gegen das SED-Regime, galt die heute 47-Jährige als einer der gefeierten Jungstars des DDR-Theaters. Nun, zum nahenden Jahrestag des Mauerfalls, spielt die vielseitige, heute auch im Fernsehen erfolgreiche Mimin ("Bloch") eine DDR-Bürgerin, die zur Adoptivmutter eines kleinen Mädchens wird, das man gescheiterten Republikflüchtlingen wegnahm ("Jenseits der Mauer", Mi., 30.09., 20.15 Uhr, ARD). Im Interview erinnert sich die in der Schweiz lebende Mutter einer 26-jährigen Tochter an die heißen Monate vor und nach der Wende.

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Authentischer Ost-Look 1989: Ulrike Krumbiegel im Wendedrama "Jenseits der Mauer".
Bild von: WDR / Julia Terjung
teleschau: Sie sind in der DDR aufgewachsen. Konnten Sie sich damals vorstellen, dass so etwas wie Zwangsadoptionen als Strafe gegen gescheiterte Republikflüchtlinge existiert?

Ulrike Krumbiegel: Nein, aber Sie dürfen nicht vergessen, welche Informationspolitik bei uns betrieben wurde. Etwas darüber zu erfahren, wäre so gewesen, als hätte man die Nadel im Heuhaufen gefunden. Zwangsadoptionen waren auch in der DDR kein Massenphänomen. Der Anstoß, solche Fälle zu thematisieren, hätte eher vom Westen kommen können. Dort gab es protestierende Eltern - wie auch die Dokumentation "Trennung von Staats wegen" im Anschluss an unseren Film zeigt - und es gab es freie Medien, die über solche Zwangsadoptionen hätten berichten können.

teleschau: Im Zuge des Mauerfall-Jubiläums sendet das Fernsehen viele Filme, die das Unrechtssystem der DDR pointiert verdichten - sodass man als Wessi-Zuschauer den Eindruck gewinnt, dass es doch jeder hätte bemerken und dagegen kämpfen müssen. Nervt Sie das?

Ulrike Krumbiegel: Was mich stört, ist, dass das wirkliche Leben in der DDR natürlich viel komplexer und vielschichtiger war. Wir alle hatten Biografien abseits unserer Eigenschaft als Systemkritiker oder linientreue Genossen. Wir haben gespielt, gelernt, gegessen und vielleicht sogar eine tolle Kindheit verbracht. Natürlich gab es immer wieder Dinge, die man als ungerecht empfand, gegen die man aufbegehrte. Heute wird das meiste rein ideologisch betrachtet. Der Mauerbau zum Beispiel. Der war damals in erster Linie wirtschaftlich begründet. Das Land bildete Leute aus, und dann liefen sie ihm alle davon in den Westen. Natürlich war es eine Strafmaßnahme, aber aus Sicht des Systems eben auch nachvollziehbar.

teleschau: Dachten Sie jemals über eine Flucht nach?

Ulrike Krumbiegel: Ja schon - aber: Ich hatte eine kleine Tochter und hätte mich unter keinen Umständen von ihr getrennt. Höchstens, wenn ich gewusst hätte, die Zustände in meinem Land werden lebensbedrohlich - wie bei der Verfolgung der Juden im Dritten Reich. Dann hätte ich sie, wenn es nicht anders machbar gewesen wäre, vorgeschickt. Aber die Lebensumstände waren nicht so. Dazu kam, dass ich als junge Schauspielerin an den besten Theatern des Landes mit den interessantesten Leuten arbeiten durfte. Wir machten gute Arbeit. Man vergisst heute manchmal, dass man sich damals nicht einfach mal so das andere Leben angucken konnte. Wenn du abgehauen bist, warst du weg und konntest nicht mehr zurück. Du musstest bereit sein, dein altes Leben komplett aufzugeben und mit nichts im Westen neu anzufangen.

teleschau: Sie waren zur Zeit der Wende 1989 am Deutschen Theater in Berlin. Haben Sie gespürt, dass eine große Veränderung in der Luft liegt?

Ulrike Krumbiegel: Die Künstler in der DDR waren immer ein politisch sehr interessiertes Völkchen. Die Kunst spielte gesellschaftlich eine viel größere Rolle als heute. Früher saßen die Zuschauer im Theater erwartungsvoll nach vorne gebeugt auf der Stuhlkante, um bloß nichts zu verpassen. Nach der Wende lehnten sich auf einmal alle zurück - so nach dem Motto: "Macht mal wat Schönes für mich, ick hab schließlich bezahlt." Heute herrscht eine Konsumentenhaltung, damals war das Theater ein hochpolitischer Ort. Als die Menschen über Ungarn und die CSSR zu flüchten begannen und es im Fernsehen hieß, dass man diesen Leuten keine Träne nachweinen würde, haben wir Schauspieler nach der Vorstellung auf der Bühne Resolutionen verlesen, dass wir das nicht richtig fänden.

teleschau: Hatte das Theater in der Wendezeit tatsächlich eine politische Wirkung über die intellektuellen Kreise hinaus?

Ulrike Krumbiegel: Auf jeden Fall. Die Schauspieler der Berliner Theater versammelten sich alle paar Tage und diskutierten über das, was passierte. Wir alle hatten Angst, dass es zu Zuständen wie in China kommt. Dass einfach alles niedergerollt, dass geschossen wird. Wir überlegten, wie man das verhindern könnte und schließlich fragte einer, ob man nicht mal versuchen könnte, eine Demo offiziell anzumelden. Gregor Gysi, der eine enge Beziehung zur Künstlerszene hatte, wusste, dass es tatsächlich möglich war. Der boxte das dann auch durch. Am Ende war es eine Demo mit einer Million Menschen. Die hatte ihren Ursprung sozusagen am Deutschen Theater.

teleschau: Wie sehr war das Theater in der Vorwendezeit ein politischer Ort?

Ulrike Krumbiegel: Es war in jedem Fall ein hochpolitischer Ort. Die staatliche Informationspolitik war furchtbar. In den Zeitungen und im Fernsehen feierte sich die Staatsmacht nur selbst. Am Theater hingegen waren viele Leute, die sich schwer kontrollieren ließen. Auch weil das Theater subtilere Möglichkeiten hatte. Das Publikum wartete förmlich auf politische Botschaften. Diese Erwartungshaltung nahm am Ende fast groteske Formen an. Im Stück "Nathan der Weise" gibt es eine Stelle, da wird sinngemäß gefragt, wann denn der Soundso kommt. Und die Antwort lautet, dass er gleich um jene Mauer kommen muss. Irgendwann haben die Menschen bereits an dieser Stelle schallend gelacht, dabei ging es einfach nur darum, dass einer um die Ecke kommt. Das zeigte jedoch, wie sehr die Menschen darauf warteten, endlich Dinge hören und sagen zu dürfen, die vorher verboten waren.

teleschau: Sie spielten bis 2001 am Deutschen Theater, standen danach auch in München auf der Bühne. War die Wendezeit am Theater im Berlin trotzdem die spannendste in Ihrem Berufsleben, weil man damals im Zentrum der Zeitgeschichte stand?

Ulrike Krumbiegel: Nein, um Gottes willen. Diese überpolitisierte Atmosphäre hätte man nicht mehr viel länger ertragen können. Schließlich sind wir Künstler und keine Politiker. Wir wollten auch mal wieder über andere Aspekte des Lebens nachdenken, das Psychologische in den Stücken herausarbeiten. Was wir damals aber sehr deutlich spürten: dass eine Zeitenwende in der Luft lag, von der keiner wusste, wohin sie uns führte. Das war schon sehr aufregend.

teleschau: Sind Sie heute zufrieden mit dem, was passiert ist?

Ulrike Krumbiegel: Ich kann sehr zufrieden sein. Meine Generation hat sicherlich sehr viel mehr von der Wende profitiert als jene, die 20 Jahre älter waren. Wir hatten eine behütete Kindheit und eine gute Ausbildung. Als die Wende kam, eröffneten sich für uns Junge viele Möglichkeiten. Da wir häufig unterschätzt wurden, konnten wir diese Möglichkeiten auch oft nutzen.

teleschau: Wie meinen Sie das? Glaubten die Wessis nicht daran, dass es auch in der DDR gute Schauspieler gibt?

Ulrike Krumbiegel: Die Haltung anfangs war eher so: Ihr habt den schlechten Kaffee, furchtbare Jeans und miese Autos - also kann auch alles andere nicht viel taugen. Dieses Vorurteil, dass in der DDR alles zweitklassig war, gab es durchaus auch in Bezug auf uns. Allerdings hat sich das schnell in eine große Neugier verwandelt. Bald waren die großen Theater im Osten fast nur noch mit Westpublikum besetzt, während die Ossis in der Zeit auf Erlebnistour West waren.

teleschau: Wie war das Verhältnis zwischen West- und Ostschauspielern nach der Wende?

Ulrike Krumbiegel: Durchaus angespannt. Für uns Ossis gab es diese großen neuen Möglichkeiten. Für die Westkollegen veränderte sich der Markt kaum, aber die Konkurrenz wurde sehr viel größer. Was mir bis heute auffällt, ist, dass man eine Verbundenheit mit Kollegen aus dem Osten spürt, weil wir oft ähnliche Biografien haben. Das konforme Einheitsleben in der DDR führte tatsächlich zu einem Gefühl, dass man den Anderen besser zu kennen glaubt. Bei Kollegen aus dem Westen ist das anders. Die hatten oft schillernde, sehr individuelle Biografien. Unser Ost-Mief hingegen, unsere ähnlichen Erfahrungen, die haben uns einander sehr nah gebracht. Das ist auch mal wieder so ein Stück DDR-Widersprüchlichkeit.

teleschau: Welche Gefühle haben Sie jetzt, wenn sich der Mauerfall zum 20. Mal jährt?

Ulrike Krumbiegel: Ich danke meinem Schicksal und stehe zu meiner Biografie. Ich bin dankbar sowohl für viele Dinge, die ich in der DDR erlebt habe, als auch für alle Möglichkeiten, die sich danach für mich ergaben. Außerdem bin ich stolz auf dieses vereinte Deutschland. Dass wir diese große friedliche Revolution tatsächlich geschafft haben, ist im Nachhinein betrachtet doch schon ziemlich irre.
teleschau der Mediendienst




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Schauspielerin Ulrike Krumbiegel über den Eisernen "Informationsvorhang" Ost: "Etwas über Zwangsadoptionen zu erfahren, wäre so gewesen, als hätte man die Nadel im Heuhaufen gefunden."
Bild von: WDR / Julia Terjung
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Auf der Suche nach einem Adoptivkind: Ulrike Krumbiegel in der Rolle einer kinderlosen DDR-Bürgerin im ARD-Drama "Jenseits der Mauer".
Bild von: WDR / Julia Terjung
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Rebecca (Henriette Confurius, rechts) glaubt bis zu ihren 17. Geburtstag, dass Frank (Herbert Knaup) und Brigitte (Ulrike Krumbiegel) ihre leiblichen Eltern sind.
Bild von: WDR / Julia Terjung
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In der hochklassigen Psychologen-Reihe "Bloch" spielt Ulrike Krumbiegel die Lebensgefährtin des schwergewichtigen Seelenklempners (Dieter Pfaff).
Bild von: WDR / Frank Dicks
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