Sonntag, 06.09.2009 - ZDF: 19.30 Uhr
Geheimakte Sophienschatz
Devise: Kunstraub

Bereits der zufällige Fund des wertvollen Kulturguts hatte eine gewisse Symbolkraft. Mit der Begründung, eine sozialistische Stadt brauche keine gotischen Kirchen, ließ die SED 1962 die Überreste der im Krieg zerstörten Dresdner Sophienkirche abreißen. Zum Vorschein kam kostbarer Gold- und Emailleschmuck, Grabbeigaben aus dem 16. bis 19. Jahrhundert, der sogenannte "Sophienschatz". Als die beliebten Ausstellungsstücke im September 1977 am helllichten Tag aus dem Dresdner Stadtmuseum gestohlen wurden, hatte der DDR-Staatsapparat womöglich wieder die geldgierigen Finger im Spiel. Zu dieser Erkenntnis gelangen jedenfalls Birgit Tanner und Carsten Gutschmidt, die für die ZDF-Dokumentarreihe "Terra X" die "Geheimakte Sophienschatz" öffnen.

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Der Kriminaltechniker Karl-Heinz Sobierajski (Jean Denis Römer) ermittelt am Tatort: Wie konnte der Sophienschatz am helllichten Tag gestohlen werden?
Bild von: ZDF / Jürgen Rehberg
"Dieser Fall ist so vielschichtig, dass man ihn in ein paar Sätzen kaum wiedergeben kann", entschuldigt sich die Filmautorin Birgit Tanner eingangs. Doch eine Aufarbeitung des ebenso spektakulären wie seltsamen Kunstraubs macht Sinn. So wird hier nicht einfach ein beliebiger Kriminalfall aufgerollt, sondern zugleich ein bislang wenig geläufiges Stück Regierungskriminalität der DDR thematisiert.

Mit dem von "Terra X" bekannten Mix aus Zeitzeugenberichten, dokumentarischem Archivmaterial und Reenactment-Szenen wird das komplexe Geschehen in verschiedenen Zeitebenen aufgerollt. Da wäre der Raub im September 1977, der am helllichten Tag unter recht sonderbaren Umständen vonstatten ging. Da wäre die unverhoffte Wiederbeschaffung von zwei Dritteln des vermissten Raubguts 1999 in Oslo durch den Chefermittler Jürgen Oelsner. Und da wäre der politisch-historische Hintergrund, der alles überhaupt erst begreiflich macht.

Denn um die Tragweite des Falls zu verstehen, so Tanner, müsse man verstehen, "wie die DDR mit Kunst- und Kulturgütern umgegangen ist". In den 50er-Jahren habe der nach Devisen hechelnde Staat damit begonnen, die Kunstverstecke der Nazis aufzuspüren, auszuräumen und in Teilen zu verkaufen. Später systematisierte die Kunst und Antiquitäten GmbH unter Anleitung von Stasi-Funktionär und Chef-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski den Handel mit den Stücken der Museen und Privatverkäufer. Als auch die Quelle versiegt war, brachte man private Kunstsammler über fiskalische Tricks um ihren Bestand.

"Im Grunde genommen war es staatlich organisierter Raub", äußert sich ein Experte im Film über den Sündenfall, womit das Stichwort zum Thema Sophienschatz genannt ist. Doch warum bitte sollte ein Dieb seinen eigenen Besitz stehlen? Die wenigen Zeitzeugen, die sich aus dem notorisch verschwiegenen Milieu des DDR-Kunsthandels äußern wollten, geben Aufschluss. "Dieser Schatz war ausgestellt, der war bekannt, den konnte man nicht einfach so rausnehmen und zu Devisen machen", fasst Tanner die Situation zusammen, die mutmaßlich zum staatlich verordneten Raub führte.

Dass die Museumsmitarbeiter, die den vierten Stock am fraglichen Tag zu bewachen hatten, nicht an ihrem Platz waren, gab wie weitere Ungereimtheiten seit jeher Anlass zur Spekulation. Doch die "Terra X"-Doku geht noch einen Schritt weiter, präsentiert nach über 30 Jahren neue Namen. Die liefert ein Regierungs-Insider aus dem Umfeld des DDR-Kunsthandels, dessen Identität Birgit Tanner vor der Ausstrahlung nicht preisgeben mag - nur so viel: "Er nennt die mutmaßlichen Drahtzieher und liefert Hintergründe zur wahren Identität des Mannes, den auch Chefermittler Jürgen Oelsner für eine Schlüsselfigur in dem Fall hält."

Die Fäden laufen zuletzt in der Schaltzentrale der Staatssicherheit zusammen, deren kriminelle Machenschaften offenbar weit vielschichtiger waren, als man bislang annahm. Nur eines, das sollte man von der Wiederöffnung der "Geheimakte Sophienschatz" nicht erwarten: dass noch jemand belangt wird. Rechtlich gesehen ist die Sache schlicht verjährt.
teleschau der Mediendienst


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Karl-Heinz Sobierajski (Jean Denis Römer, rechts) und ein Kollege sichern die Spuren am Tatort.
Bild von: ZDF / Jürgen Rehberg
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1999 erhält Sonderermittler Jürgen Oelsner (Darsteller Uwe Lach) einen überraschenden Hinweis: Die "Geheimakte Sophienschatz" ist wieder geöffnet.
Bild von: ZDF / Jürgen Rehberg
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Jürgen Oelsner ist 1999 Leiter des Dezernats für Sonderfälle im Landeskriminalamt Sachsen. Der Raub des Sophienschatzes beschäftigt ihn schon seit 1977.
Bild von: ZDF / Jürgen Rehberg
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Der sogenannte Sophienschatz beinhaltet kostbaren Gold- und Emailleschmuck, Grabbeigaben aus dem 16. bis 19. Jahrhundert. 1977 wurde er in Dresden unter mysteriösen Umständen gestohlen.
Bild von: ZDF / Jürgen Rehberg

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