Freitag, 14.08.2009 - ARTE: 21.00 Uhr
Unter Verdacht - Der schmale Grat
Nietzsche und die Schnösel von der ersten Bank
Er hat etwas von einem verwundeten Stier, wie der stets leicht selbstgefällige Dr. Claus Reiter (Gerd Anthoff) da im Verhörsaal hockt. Der Vorgesetzte von Kriminalrätin Eva Maria Prohacek (Senta Berger) steckt mächtig in der Klemme. Ein Internatsschüler wurde mit seiner Dienstwaffe angeschossen und liegt im Koma. Äußern mag sich Reiter dennoch nicht. Nur Prohaceks übereifrigem Assistenten Langner (Rudolf Krause) knurrt er bisweilen bedrohlich entgegen. Die traditionell verworrene Ausgangslage der ZDF-Krimireihe "Unter Verdacht" wurde in der neuen Episode, die wie immer bei ARTE Vorpremiere feiert, also gehörig zugespitzt. Was folgt, ist ein Balanceakt auf "Schmalem Grat". Ein Titel, der auch ein wenig auf die Glaubwürdigkeit des gezeichneten Szenarios zutrifft.

Bootsfahrt in eine Parallelwelt: Um das abgeschiedene Eliteinternat Mariaheil zu erreichen, ist Kriminalrätin Eva Maria Prohacek (Senta Berger) auf den Fährverkehr angewiesen.
Bild von: ZDF / Bernd Schuller
Da der Tatverdächtige also schweigt, muss die interne Ermittlerin Prohacek raus in die Welt und landet paradoxerweise an einem Ort, der so ganz der vertrauten Lebenswirklichkeit entrückt scheint. Und zwar mit Konzept. Das Eliteinternat Mariaheil liegt auf einer abgelegenen Insel inmitten des Chiemsees. Wer die ehrwürdige Einrichtung, die sich als "Arche" versteht, erreichen will, setzt mit der Fähre über, Handyempfang gibts keinen. Die schreckliche Welt mit ihren Lastern, dem Elend und der Gewalt muss draußen bleiben. Keine Zigaretten, kein Alkohol, keine Frauen, keine Pornografie.
Nur der liebe Gott gilt als Referenz, wenn die Jungen, allesamt Zöglinge des Münchner Geldadels, mittels Sport und darwinistischer Morallehre in ihren Schuluniformen zu kleinen Übermenschen erzogen werden. Dazu passt, dass der engagierte Pater Benedikt (Thomas Sarbacher) ausgerechnet Nietzsche lehrt, mit einer Inbrunst und einem Zungenschlag, wie der streitbare Philosoph zuletzt im Dritten Reich ausgelegt wurde.
Es ist schon ein grenzwertig überzeichnetes Milieu, das Regisseur Achim von Borries ("Was nützt die Liebe in Gedanken") in Szene setzte. Während das Schulsystem in den Problemkiezen der Republik zu kollabieren droht, schürt der Film den Verdacht, die Oberschicht züchte sich im Verborgenen eine Art Herrenrasse zum Machterhalt heran. Wer hier keine Stärke zeigt, fliegt durchs Raster. So der angeschossene Hans Gerber, ein hochbegabter, aber ungeliebter Querkopf. Oder sein einziger Freund, der schwächliche Außenseiter Markus Sömmering (David Fischbach).
Mühevoll setzt Prohacek - von Senta Berger wie immer wunderbar unprätentiös und verletzlich gespielt - die Puzzlesteine zusammen und fördert dabei manches dunkle Kapitel aus der Vergangenheit ihres Chefs zutage. Zuletzt wird ein überraschend vielschichtiges moralisches Elend sichtbar, doch die Tonart bleibt versöhnlich. "Die Welt mag ein schlimmer Ort sein", redet Prohacek dem verblendeten Pater am Ende lebensweise ins Gewissen, "aber wir haben nur die eine."
teleschau der Mediendienst
Kaltes Land
Blatt und Blüte

An dem schnöselhaften Tutor Karl von Sternberg (Lukas Nathrath) beißt sich Kriminalrätin Eva Maria Prohacek (Senta Berger) die Zähne aus.
Bild von: ZDF / Bernd Schuller

Eva Maria Prohacek (Senta Berger, Mitte) befragt die Mutter des Mordversuchsopfers, die nervlich belastete Witwe Anna Gerber (Ulrike Arnold).
Bild von: ZDF / Bernd Schuller

Der Außenseiter Markus Sömmering (David Fischbach) ist der einzige Freund des angeschossenen Internatsschülers Hans Gerber. Zur Aufklärung mag der eigenartige Junge aber trotzdem nicht beitragen.
Bild von: ZDF / Bernd Schuller

Eva Maria Prohacek (Senta Berger) stößt im Eliteinternat Mariaheil auf eine fremde Welt: Pater Benedikt (Thomas Sarbacher) erzieht die Schüler nach archaischen Vorstellungen eines besseren Menschen.
Bild von: ZDF / Bernd Schuller