Vor 40 Jahren, zu Zeiten einer Kuh wie Emma, trat Dr. Steiner in die Tierarztpraxis seines Vaters in Beverstedt ein. Damals, erinnert sich der 64-Jährige, standen geeignete Behandlungen und Medikamente viel begrenzter zur Verfügung als heute. „Aber die heutigen Möglichkeiten werden oft einfach nicht genutzt.“
Kostendruck und globalisierte Märkte bestimmen die Landwirtschaft heute wie jede andere Industriesparte auch. So ist es eine simple betriebswirtschaftliche Rechnung: Ein Kalb geht laut Marktspiegel der Landwirtschaftskammer für 90 bis 125 Euro weg. Da bliebe für eine aufwendige medizinische Behandlung kaum ein Budget – nur etwa 20 Euro, rechnet Steiner. „Für diesen Preis kann ein Tierarzt noch nicht einmal kostendeckend die elementaren Schutzimpfungen vornehmen.“
Laut Steiner passen kranke Tiere einfach nicht mehr in den wirtschaftlichen Ablauf eines Großbetriebes. Die vorhandene Betreuungszeit für ein einzelnes Tier bewege sich im Minutenbereich. „Ein krankes Tier stört da nur“, weiß der Großtierpraktiker. Natürlich würden in vielen Betrieben noch immer einzelne Tiere behandelt, aber zunächst vom Besitzer selbst. „Tierärzte werden immer häufiger erst zu den ‚Katastrophen‘ gerufen – dann, wenn nichts mehr geht“, berichtet Steiner. „Die Zahl der Betriebe, in denen nur noch das Herden-Ergebnis und nicht mehr das einzelne Tier zählt, nimmt mit der Größe der Betriebe immer mehr zu.“
Die Entwicklung von den kleinen bäuerlichen Familienbetrieben hin zu Ställen mit mehreren hundert Tieren, Futter-Automaten und Melkrobotern verläuft rasant, wie die Agrarstrukturerhebungen der Statistischen Ämter belegen. So wurden im Mai 1999 im Kreis Cuxhaven 2498 Betriebe mit insgesamt 279 582 Rindern gezählt. Das waren rund 112 Rinder pro Betrieb. Bei der jüngsten Zählung im März 2010 konzentrierte sich eine fast konstante Zahl von Rindern auf nur noch 1665 Betriebe – 167 pro Hof. Bei den Milchkühen stieg die Viehzahl pro Betrieb von 44 auf 77, bei den Schweinen von 180 auf 485.
Für Kühe wie Nr. 186 ist heute der Boxenlaufstall Standard, oft mit Spaltenböden, durch die Kot und Urin abfließen können. Weil sich die Tiere hier frei bewegen können, wenn auch meist ganzjährig nur im Stall, hat diese Haltungsform einen sehr guten Ruf und gilt als alternativlos.
In dieses Loblied möchte Steiner jedoch gar nicht einstimmen: „Der Boxenlaufstall ohne Freilauf oder Weidegang ist für den Landwirt die wirtschaftlich günstigste Haltungsform, für die Tiere aber die schlechteste.“ Eine Erkrankung werde in der Regel spät bemerkt, es fehle an Wärme, und ein krankes bringe oft nicht mehr die Energie auf, um zum Futtertrog oder zur Tränke zu gehen. „Die erkrankte Kuh bleibt in ihrer Box liegen und frisst kaum noch, für eine Hochleistungskuh dramatisch“, bilanziert Steiner. Daher habe die Anzahl schwer erkrankter Rinder von Jahr zu Jahr zugenommen.
„Mit gelebtem Tierschutz haben die heutigen Verhältnisse oft nichts mehr zu tun“, übt Steiner Kritik. „Ich habe seinerzeit Tiermedizin studiert, um Arzt für Tiere zu sein, ein ,Viehdoktor‘, resigniert der 64-Jährige, „und nicht ein veterinärmedizinischer Berater für Tierproduktion.“
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