
Sie fordern in Ihrem Buch einen Struktur-, Kultur- und Lebensstilwandel. Wie soll dieser aussehen?
Ein System, in dem permanentes Wachstum die Voraussetzung zum Funktionieren ist, ist nicht zukunftsfähig. Wir müssen daher vom Wachstumszwang wegkommen. Es ist ein Irrglaube, dass alles so bleiben kann, wie es ist, wenn wir nur andere Techniken einsetzen. Das reicht nicht, weil die permanenten Wachstumseffekte die Effizienzgewinne wieder auffressen. Was nutzt die Halbierung des Spritverbrauchs, wenn sich die Anzahl der Autos verdoppelt?
Mehr Zeit zum Leben – wie kann das in unserer von Wachstum geprägten Gesellschaft funktionieren?
In Zukunft werden wir ein Nebeneinander von Wachstum und Schrumpfen haben. Das ist zum Beispiel in Bremerhaven heute schon so. Im Hafen und in den Havenwelten ist enorm viel passiert, während die Einwohnerzahl weiter zurückgeht. Wir müssen Wachstum und Schrumpfen qualitativ so gestalten, dass unsere Lebensqualität verbessert und die Umwelt entlastet wird.
Wie ernst ist es um unser Klima und unsere Umwelt bestellt?
Sehr ernst. Wir beschäftigen uns aus ökologischen und kulturellen Gründen mit dem Wachstum. Ökologisch bewegen wir uns vielfach aber bereits jenseits der Wachstumsgrenzen, wenn man zum Beispiel an den Klimawandel und den Artenschwund denkt. Wir müssen den Verbrauch von Ressourcen bis zur Mitte des Jahrhunderts um den Faktor zehn reduzieren.
Welchen Beitrag zum Wandel kann jeder Einzelne leisten?
Jeder kann bei der Mobilität, beim Energieverbrauch und bei der Ernährung bestimmte Prinzipien beachten, um sich für Nachhaltigkeit, die Umwelt und die eigene Gesundheit einzusetzen. Der Konsument sollte sich überlegen, was er wirklich braucht. Statt zum Beispiel auf billiges Fleisch sollte man auf eine ausbalancierte Ernährung setzen.
Sie fordern eine Abkehr vom Wachstumszwang – wie soll das eine Stadt wie Bremerhaven, die vom Hafenumschlag lebt, leisten?
Wir brauchen eine nachhaltige Entwicklung. Am Hafenstandort lassen sich viele kleine Dinge umsetzen. Der Weg von Bremenports zur umweltfreundlichen Hafengesellschaft ist ein richtiger Ansatz. Die Frage ist allerdings, ob alles so globalisiert sein muss. Wegen kürzerer Transportwege ist es oft sinnvoller, sich mit Produkten aus der Region zu versorgen. Wir sollten bei den globalen Handelsbeziehungen mehr auf Qualitätswettbewerb setzen.
Kritiker nennen Ihre Thesen eine Rückkehr ins Mittelalter...
Alles, was Mäßigung bedeutet, als Rückkehr ins Mittelalter zu verdammen, ist blanker Unsinn und billiger Populismus. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, dass unser wirtschaftliches und soziales System nicht zulasten künftiger Generationen geht. Und das ist heute der Fall.
Sie fordern eine 20-Stunden-Woche und ein Bürgergeld. Ist das nicht realitätsfern?
Die Reduzierung der Arbeitszeit ist mit das wirksamste Instrument, um die Beschäftigungsentwicklung vom Wachstumszwang zu befreien. In den vergangenen Jahrzehnten war es mehrfach so, dass das Wachstum der Arbeitsproduktivität über kürzere Arbeitszeiten an die Arbeitnehmer weitergegeben wurde. Hauptmotiv war eine „Work-Life-Balance“, also die Chance, neben der Erwerbsarbeit ein anderes Leben zu leben. In der heutigen Arbeitswelt wird man nicht mit einer Zahl für alle operieren können, sondern braucht flexible Modelle mit insgesamt weniger Erwerbsarbeit.
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