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Spinat und Stimmenwirrwarr


Leipzig. „Frage!“, hallt es auf Englisch durch den Hörsaal. Eine Stiftspitze zeigt gen Decke. Erwartungsvoll blickt der „Prof“ in die leeren Reihen, um mit seiner Suche schließlich beim leeren Blick des Studenten zu enden. „Können sie die letzte Zeile noch einmal vorlesen? Wie soll man diese Zeichen aussprechen?“, bittet der Stifthalter verwirrt und setzt sein Arbeitsgerät schon während der Antwort wieder hektisch in Bewegung. Von Michael Mensing, 20 Jahre


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Im Hörsaal der Universität Leipzig: Während der Vorlesungen geht es gesittet zu. Die Wohngemeinschaften-Partys und studentischen Disco-Besuche in der Faschingszeit sind hingegen berüchtigt.

Wie bin ich hier nur gelandet? Und was gibt es heute wohl zu Mittag? Fragen, die ich mir bisher nie derartig intensiv gestellt habe, wie in den vergangenen Wochen. Außenstehende mögen beim beherzten Blick auf die Tafeln mutmaßen, dass hier irgendeine Fremdsprache gelehrt wird. Doch handelt es sich um den Studiengang „International Physics Studies Program“ (IPSP) der Universität Leipzig – quasi Physik auf Englisch mit ein paar Bonbons.

Die masochistische Veranlagung ist Programm und zugleich Zulassungsvoraussetzung. Das erste Semester ist nun beinahe überstanden und ich kann sagen, dass es weder besser noch einfacher wird. Allerdings gewöhnt man sich an die Qualen und verliebt sich sogar ein wenig in den Nervenkitzel des Schmerzes und der kontinuierlichen Übermüdung.

Ich kann nicht für alle Studenten sprechen, aber zumindest bei uns steht psychologische Kriegsführung auf der Tagesordnung. Auf meiner, der guten Seite, halten etwa 15 tapfere Studenten die Stellung. Unterstützt werden sie eigens von vier Dozenten. Auf der anderen Seite tummeln sich wöchentliche Hausarbeiten, Prüfungen, Praktika, Rechnungen, Vertreter im Treppenhaus und diverse „Aasgeier“. Letztere schmücken sich häufig mit einem grünen „GEZ“-Tattoo. An dieser Stelle ein Tipp an all jene, die in naher Zukunft ihr Studium antreten: Antwortet auf alle bösen Schreiben, die sich in eure Briefkästen verirren, mit Arroganz. Mit 90-prozentiger Sicherheit habt ihr am Ende recht, und sie wollten euch nur abzocken.

Nochmals zu den grün Tätowierten – mir ist bisher kein einziger Student begegnet, der Fernsehen guckt. Und das vermutlich nicht einmal, weil ohnehin nur Brei im Programm kommt. Leipzig hat mehr als 28 000 Studenten, die aus allen Ecken Deutschlands und der Welt kommen. Traue dich während der Faschingszeit in die nächstbeste Disco, und das Dschungelcamp kommt dir vor wie eine Kurfahrt. Jeden Sonnabend trifft sich unsere Lerngruppe. Es wird gekocht und abends auf die Lebensfreude angestoßen. Damit wäre das Promidinner abgearbeitet. Und mal ehrlich – DSDS braucht doch kein Mensch.

Jedoch sei gesagt, dass das allmorgendliche Zeitunglesen zum guten Ton gehört. Apropos Rituale... Wie kommt eigentlich der Spinat auf unser Parkett? WG-Partys sind legendär und erfüllen alle – wirklich alle – Klischees. Nicht in Worte zu fassen, aber ein Muss! Schon alleine, weil das Schauspiel in fünf verschiedenen Sprachen „aufgeführt“ wird.


Artikel vom 02.03.11 - 06:00 Uhr
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