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Selbst am stillen Örtchen ist noch ein Zuschauer

Ihr Schamgefühl haben viele Spitzensportler längst abgelegt. Wenn sie zur Dopingprobe müssen, kommt ein Aufpasser mit auf die Toilette und schaut beim Pipi- machen zu. So streng sind die Doping-Vorschriften. Die verhindern auch, dass ein Profi abends spontan ausgehen oder übers Wochenende wegfahren kann – vorher müssen sie sich bei der Nationalen Doping-Agentur abmelden. Die Sportler müssen jederzeit für unangemeldete Tests erreichbar sein. Einige fühlen sich behandelt wie Verbrecher. Oliver riemann Von Oliver Riemann

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Nationalspieler Philipp Schwethelm kritisiert das Überwachungssystem. Er und seine Kollegen fühlen sich in ihrer Privatsphäre verletzt. Foto Scheer

Schon mehr als 150 deutsche Spitzensportler haben sich bei den Datenschutz-Beauftragten des Bundes und der Länder beschwert. Sie betrachten das Adams-Meldesystem als massiven Eingriff in die Intimsphäre. Die Sportler beklagen Verstöße gegen die Persönlichkeitsrechte, weil sie lückenlos ihre Aufenthaltsorte nachweisen müssen. Die Top-Athleten fühlen sich der Nationalen Doping-Agentur NADA und der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA ausgeliefert und sprechen von einer „elektronischen Fußfessel“. Nun müssen sich Deutschlands Sportpolitiker mit diesem Problem beschäftigen.

Die Sportler wollen erreichen, dass gesetzliche Grundlagen für die Doping-Kontrollen geschaffen werden, denn sie sind ebenso wie zahlreiche Spieler-Gewerkschaften der Meinung, dass das Meldesystem Adams in vielen Punkten gegen europäisches Datenschutzrecht verstößt. Basketball-Nationalspieler Heiko Schaffartzik hat es bei der Anhörung im Sportausschuss des Deutschen Bundestages auf den Punkt gebracht: „Wir Athleten hoffen, dass ein Kontrollsystem geschaffen wird, das die Privat- und die Intimsphäre der Athleten besser respektiert.“

Unterstützung bekommt der Nationalspieler von ALBA Berlin von seinem Kollegen Philipp Schwethelm, der vor der Saison von den Eisbären Bremerhaven zu Bayern München gewechselt ist. „Wir haben natürlich ein Interesse daran, dass unser Sport sauber ist. Aber die Vorschriften, denen wir uns unterwerfen müssen, sind extrem hart“, sagt der 22-jährige Nationalspieler.

Für Schwethelm ist es selbstverständlich, dass die Doping-Fahnder der NADA vor, während oder nach jedem Training oder Spiel ihre Proben verlangen könnten. Denn die Trainings- und Spielpläne müssen der NADA drei Monate im voraus geschickt werden. Die Sportler, die für Deutschland international im Einsatz sind, müssen jedoch nicht nur diesen Nachweis erbringen, sie müssen auch eine Erklärung unterschreiben, dass sie den Fahndern jeden Tag von 6 bis 23 Uhr zur Verfügung stehen. Und sie müssen lückenlos belegen, wo sie sich zu welcher Tages- und Nachtzeit aufhalten. Die kleinste Änderung muss schriftlich bei der NADA eingereicht werden – und das bei einem Plan, der für drei Monate im Voraus erstellt wird.

Der kurzfristige Besuch bei den Eltern oder bei Freunden ist meldepflichtig. Gibt der Trainer für den nächsten Tag kurzfristig trainingsfrei und der Sportler entscheidet sich, Eltern oder Freunden einen Kurzbesuch abzustatten, ist die NADA von der Änderung des Plans in Kenntnis zu setzen – entweder über die eigens dafür eingerichtete Online-Plattform oder per SMS, wenn gerade kein PC-Zugang vorhanden ist. Zu melden ist aber zum Beispiel auch, wenn abends nach dem Training mit den Teamkollegen noch ein Essen in einem Lokal ansteht. Auch dann gilt: Immer melden und immer das Handy griffbereit haben.

Wann die Kontrolleure kommen, wissen die Athleten nicht. Sie können morgens um 8 Uhr vor der Haustür stehen, oder abends um 21 Uhr. Ist der Athlet dann nicht dort, wo er laut Plan eigentlich sein sollte, klingelt sein Telefon. Dann hat er sich entweder umgehend zu Hause einzufinden, oder der Kontrolleur der NADA macht sich auf den Weg, um den Sportler an dessen Aufenthaltsort abzuholen. Auf jeden Fall lässt er den Athleten dann keinen Augenblick mehr aus den Augen, bis die Probe genommen worden ist. In der Wohnung folgt er seinem Klienten auf Schritt und Tritt. Da wird zum Beispiel jede E-Mail, die der Sportler in der „Wartezeit“ mit Freunden oder Freundinnen schreibt, da wird jeder Gang zum Kühlschrank mit Argusaugen überwacht. „Wir haben das Gefühl, die NADA arbeitet nicht mit uns zusammen, sondern gegen uns“, sagen nicht wenige Sportler.

Vorbei ist die Kontrolle erst dann, wenn der NADA-Bedienstete das hat, was er haben möchte. Die Urinprobe. Aber auch dies passiert mit Sichtkontakt und manchmal sogar etwas mehr. Ans „Pipi machen“ unter dem gestrengen Blick des Kontrolleurs haben sich die Spitzensportler schon gewöhnt. An die vorherigen Kontrollen auch. Hände waschen, dann das Hemd bis über den Bauch hinaufziehen, die Hose bis auf die Knie sacken lassen und dann schaut der Kontrolleur ganz genau hin, ob der Sportler sich nicht etwa eine Kanüle über den Penis gestreift hat, um die Probe zu manipulieren.

Die Basketballer wollen die Notwendigkeit von Doping-Kontrollen ebenso wie Handballer, Fußballer und Volleyballer nicht wegdiskutieren, obwohl die Anzahl der positiven Dopingtests in keinem Verhältnis zum lückenlosen Kontrollnachweis und der „elektronischen Fußfessel“ steht. Doping-Fälle beim Basketball sind in den vergangenen Jahren keine aufgetreten, von einigen Marihuana-Vergehen abgesehen.

Zum Training, in die Trainingslager und zu allen Spielen sollen, so sagen es die Sportler, die Kontrolleure gerne unangemeldet kommen, um sich die Proben zu holen, „aber in meiner Freizeit möchte ich machen können, was ich will. Und das, ohne mich vorher irgendwo abzumelden oder der NADA lückenlos nachzuweisen, wo ich mich aufhalte“, sagt Schwethelm.

Melden sich die Athleten nicht ordnungsgemäß ab, werden Verwarnungen ausgesprochen, die Fahrtkosten für den NADA-Angestellten müssen sie ebenfalls übernehmen. Und spätestens beim dritten Versäumnis wird man für drei Monate gesperrt und wie ein Doping-Sünder behandelt. Denn eine Probe, die nicht genommen werden konnte, gilt immer als positiv.


Artikel vom 28.10.11 - 07:00 Uhr
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