
Von Anke Breitlauch
Der letzte Seuchenzug liegt sieben Jahre zurück. Bei einer Seehundstaupe-Epidemie starben 2002 an Nord- und Ostsee mehr als 20 000 Tiere. Die Virus-Erkrankung wird durch Nasenkontakt übertragen und zerstört die Atemwege. Die Tiere müssen qualvoll verenden. Geholfen werden kann ihnen nicht.
Ein Szenario, an das Peter Südbeck vorerst nicht denken mag. Bei dem Leiter der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer herrscht zunächst einmal Freude vor. „Ich finde es toll, dass sich der Bestand so gut erholt hat“, sagte er bei der traditionellen „Seehundzählung 2009“.
Gerade in diesem Sommer, da die UNESCO das Wattenmeer zum Weltnaturerbe erklärt hat, machen sich die starken Seehund-Kolonien besonders gut. Für den Leitenden Biologie-Direktor Südbeck sind sie ein Beleg dafür, dass sich der Schutz der Pflanzen- und Tierwelt im Wattenmeer deutlich verbessert hat. Schon seit 1972 würden Seehunde nicht mehr gejagt. Außerdem seien Gewässer heute stärker geklärt.
Wenn es dennoch zu einer Seuche komme, weil sehr viele Seehunde auf engem Raum zusammenleben und damit die Infektionsgefahr steige, müsse man dies als natürlichen Vorgang hinnehmen. „Handeln müssen wir da, wo wir Einfluss haben und Verantwortung tragen“, sagte Südbeck.
Fünf Mal geht Eibe Harrs in jedem Sommer in die Luft, um mit dem Fernglas die Sandbänke abzufliegen und im Auftrag des Landes seine Strichlisten zu füllen. „Von Bremerhaven fliege ich hoch bis Knechtsand, von dort weiter Richtung Scharhörn und Neuwerk“, beschreibt der Cappeler die Route. Danach wird an der Elbmündung gezählt.
Zwei Flüge sind gemacht, drei stehen noch aus. Doch am Ergebnis besteht für Eibe Harrs kaum noch ein Zweifel: „Was ich in diesem Jahr gesehen habe, ist der absolute Höchststand, den es je gab.“ Schon im vergangenen Sommer hatte Harrs 1800 Seehunde ausgemacht, darunter waren 500 Jungtiere.
Da große Krankheiten ausblieben, konnten sich die Kolonien munter weiter ausdehnen. Harrs: „Seehunde werden 30 bis 40 Jahre alt und sind nach drei Jahren geschlechtsreif. Wir gehen davon aus, dass jedes Weibchen etwa 20 Jungtiere zur Welt bringt.“ Geburtsstätte ist immer eine Sandbank. Weil Seehunde durch die Lunge atmen, können sie nicht unter Wasser gebären.
Die Kegelrobbe war im Mittelalter wegen ihres Felles und Fleisches stark bejagt worden und deshalb fast vollständig aus dem Wattenmeer verschwunden. Erst in den 80er Jahren kam das bis zu 300 Kilogramm schwere Raubtier aus englischen Gewässern langsam über die Küsten von Holland, Helgoland und Schleswig-Holstein ins Wattenmeer zurück.
Um den Robben-Nachwuchs zu schützen, versucht die Nationalparkverwaltung, die Jungtiere stärker zu bewachen und die Liegeplätze abzusperren. Verglichen mit Seehunden gelten die Tiere, benannt nach ihren kegelförmigen Backenzähnen, immer noch als große Rarität.
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