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Polizisten schauten Mörder zu


Oslo. Der Skandal um den Einsatz der norwegischen Polizei beim Doppelanschlag auf Oslo und Utøya spitzt sich weiter zu. Am Mittwoch zitierten norwegische Medien anonyme Polizeibeamte. Danach soll eine erste Polizeieinheit dem Morden auf Utøya am 22. Juli vom sicheren Festland aus tatenlos zugesehen haben. Trotz unzähliger Schüsse und Hunderter von Menschen, die um ihr Leben schwammen, griff sie nicht ein. Dabei hätten genug Boote zur Verfügung gestanden. Von André Anwar


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Utøya wurde zum Schauplatz des Blutbads , das der Norweger Anders Behring Breivik (im roten Pullover) angerichtet hatte. Bei einer Rekonstruktion der Vorfälle führte Breivik die Ermittler nochmals an die Tatorte auf der Insel. Die Beamten hätten den Attentäter früher stoppen können, hieß es nun in anonymen Polizeiberichten.

Laut dem öffentlichen Rundfunksender NRK waren die Beamten mit Maschinengewehren, Pistolen und schusssicheren Westen ausgerüstet. Sie warteten stattdessen auf die Verstärkung aus der 40 Kilometer entfernten Hauptstadt Oslo. Laut der Rekonstruktion des Handlungsverlaufs, die bisher nur teilweise offiziell bestätigt worden ist, soll die regionale Polizei um 17.27 Uhr von der Schießerei auf Utøya informiert worden sein. Die Beamten hätten laut NRK das Blutbad mit einem Eingriff gegen 17.52 Uhr beenden können. Doch erst als die Verstärkung aus Oslo eingetroffen war, landeten die Polizisten um 18.25 Uhr auf der Insel. So hatte der Massenmörder Anders Breivik weit über eine Stunde Zeit, um zu morden.

Mörder bat um Festnahme

Dabei hatte der Mörder selbst genug von seinem Verbrechen. Nachdem Breivik mit 50 Hinrichtungen sein „Minimalziel“ erreicht hatte, rief er selbst um 17.59 Uhr die Notrufzentrale, verwundert über das Fernbleiben der Polizei. Der Täter bat dabei um seine Festnahme und versicherte, er würde sich widerstandslos ergeben. Doch niemand kam. Er mordete weiter. Am Ende hatte er allein auf Utøya 69 Menschen umgebracht, vor allem Jugendliche. Als die Polizisten endlich auf die Insel kamen, ergab sich Breivik ohne Widerstand.

Die regionale Polizeiführung bestätigte am späteren Mittwoch zumindest, dass ihre frühzeitig am Tatort eingetroffene Truppe nicht eingegriffen habe. Die Beamten seien davon ausgegangen, dass sich auf der Insel bis zu sieben schwerbewaffnete Terroristen befänden. Dabei hatten zu jenem Zeitpunkt bereits zahlreiche Jugendliche, die ans Ufer geschwommen waren, von einem einzigen Schützen in Polizeiuniform berichtet.

Stattdessen behinderten die Beamten die Rettungsarbeiten. Freiwillige Retter vor Ort wie der Deutsche Marcel Gleffe, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens den teils schwer verletzten Jugendlichen vor der Insel zu Hilfe eilten, berichteten, dass die untätigen Beamten sie von einer Fortsetzung ihres spontanen Rettungseinsatzes abhalten wollten. Das sei zu gefährlich, so die Beamten. Allein Gleffes Einsatz sollen 30 flüchtende Norweger ihr Leben zu verdanken haben.

Die nationale Polizeiführung äußerte sich am Mittwoch nicht direkt zu den neuen Anschuldigungen. Man könne sicher einiges dazulernen und verbessern, auch wenn der Einsatz grundsätzlich nicht viel besser hätte durchgeführt werden können, wiederholte ein hoher Polizeioffizier. Koordinierungsschwierigkeiten zwischen den Dienststellen und der Notrufzentrale seien ein Problem, das einzelne Entscheidungsträger nicht zu verantworten hätten, wiederholten Polizeisprecher am Mittwoch. Ministerpräsident Jens Stoltenberg hat inzwischen eine Untersuchungskommission einberufen.

Für den 21. August hat Norwegen einen nationalen Trauertag ausgerufen, um der Toten des laut Stoltenberg schlimmsten Angriffs auf das Land seit dem Zweiten Weltkrieg zu gedenken. Dann ist die Tat einen Monat her.

Artikel vom 18.08.11 - 07:00 Uhr
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