
Laut dem öffentlichen Rundfunksender NRK waren die Beamten mit Maschinengewehren, Pistolen und schusssicheren Westen ausgerüstet. Sie warteten stattdessen auf die Verstärkung aus der 40 Kilometer entfernten Hauptstadt Oslo. Laut der Rekonstruktion des Handlungsverlaufs, die bisher nur teilweise offiziell bestätigt worden ist, soll die regionale Polizei um 17.27 Uhr von der Schießerei auf Utøya informiert worden sein. Die Beamten hätten laut NRK das Blutbad mit einem Eingriff gegen 17.52 Uhr beenden können. Doch erst als die Verstärkung aus Oslo eingetroffen war, landeten die Polizisten um 18.25 Uhr auf der Insel. So hatte der Massenmörder Anders Breivik weit über eine Stunde Zeit, um zu morden.
Die regionale Polizeiführung bestätigte am späteren Mittwoch zumindest, dass ihre frühzeitig am Tatort eingetroffene Truppe nicht eingegriffen habe. Die Beamten seien davon ausgegangen, dass sich auf der Insel bis zu sieben schwerbewaffnete Terroristen befänden. Dabei hatten zu jenem Zeitpunkt bereits zahlreiche Jugendliche, die ans Ufer geschwommen waren, von einem einzigen Schützen in Polizeiuniform berichtet.
Stattdessen behinderten die Beamten die Rettungsarbeiten. Freiwillige Retter vor Ort wie der Deutsche Marcel Gleffe, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens den teils schwer verletzten Jugendlichen vor der Insel zu Hilfe eilten, berichteten, dass die untätigen Beamten sie von einer Fortsetzung ihres spontanen Rettungseinsatzes abhalten wollten. Das sei zu gefährlich, so die Beamten. Allein Gleffes Einsatz sollen 30 flüchtende Norweger ihr Leben zu verdanken haben.
Die nationale Polizeiführung äußerte sich am Mittwoch nicht direkt zu den neuen Anschuldigungen. Man könne sicher einiges dazulernen und verbessern, auch wenn der Einsatz grundsätzlich nicht viel besser hätte durchgeführt werden können, wiederholte ein hoher Polizeioffizier. Koordinierungsschwierigkeiten zwischen den Dienststellen und der Notrufzentrale seien ein Problem, das einzelne Entscheidungsträger nicht zu verantworten hätten, wiederholten Polizeisprecher am Mittwoch. Ministerpräsident Jens Stoltenberg hat inzwischen eine Untersuchungskommission einberufen.
Für den 21. August hat Norwegen einen nationalen Trauertag ausgerufen, um der Toten des laut Stoltenberg schlimmsten Angriffs auf das Land seit dem Zweiten Weltkrieg zu gedenken. Dann ist die Tat einen Monat her.
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