Campbell, der von den Bremerhavener Anhängern bei der Vorstellung mit viel Beifall empfangen wurde, strahlte beim Gang in die Kabine. „Mann, bin ich froh, dass wir endlich unser erstes Spiel gewonnen haben. Wir waren einige Male dicht dran, toll dass es heute geklappt hat“, sagte der 32-jährige Aufbauspieler der Tübinger.
In der Crunchtime, also der Phase, in der es um den Sieg geht, war auf Campbell Verlass. Insgesamt markierte er 13 Punkte, gab 11 Assists (Korbvorlagen) und holte noch 7 Rebounds. In den letzten knapp zwei Minuten zeigte Campbell von der Freiwurflinie keine Nerven. Fünf von sechs Versuchen landeten im Eisbären-Korb, den einen vergebenen Wurf, so hatte es den Anschein, hatte er absichtlich an den Ring geworfen. „Das war mein Plan“, sagte er nachher verschmitzt. Denn den Abpraller holte er sich selbst wieder, passte auf Nicolai Simon, und der erzielte das 82:77. Das war 1:11 Minuten vor dem Ende die Entscheidung.
„Wir haben einfach schlecht verteidigt, da fehlte die Intensität“, sagte ein sichtlich unzufriedener Eisbären-Kapitän Torrell Martin. Er (21 Punkte), der in der ersten Halbzeit alles überragende Zach Peacock (25), und Center Chris McNaughton (19 Punkte in 20:38 Minuten) waren die einzigen Akteure, die sich gegen die drohende Niederlage stemmten. Über den Rest aus der Eisbären-Truppe sollte man in der gestrigen Verfassung besser den Mantel des Schweigens legen.
Die erste Halbzeit stand im Zeichen von Peacock. Den konnte Tübingen nie stoppen, 23 Punkte hatte er schon zur Pause auf dem Konto. Auch Martin – 10 Punkte bis zur Pause – war gut aufgelegt. Die Eisbären trafen in den ersten zehn Minuten hochprozentig, verwandelten 13 von 15 Versuchen aus dem Feld. Das war traumhaft viel, aber sie kassierten auch 21 Punkte. Das war die Kehrseite der Medaille.
Trotzdem lagen die Gastgeber mit 37:23 vorn, da war alles im Lot. Doch dann meinte es Coach Doug Spradley zu gut. Er schickte mit Tony Canty, Terrell Everett, Mike Smith, Jermain Raffington und Jason Cain seine komplette Bank aufs Parkett. Der Schuss ging nach hinten los. Es gab einen Bruch im Spiel, davon erholten sich die Eisbären nicht mehr. Tübingen nutzte die Gunst, zauberte einen 10:0-Lauf hin und war bis zur Pause auf einen Punkt dran – anstatt mit 12 bis 15 Punkten in Rückstand.
„In den vergangenen Spielen haben die Jungs von der Bank viele Impulse gegeben, heute nicht“, so ein sichtlich angefressener Coach Doug Spradley. Warum er aber die zweite Garnitur in kompletter Besetzung über vier Minuten auf dem Feld beließ, bleibt sein Geheimnis.
Am Ende sollte sich das als spielentscheidend auswirken. Denn den einmal verloren Faden konnten die Eisbären nicht wieder aufnehmen. Dafür waren sie in der Verteidigung einfach nicht bissig genug. Im dritten Viertel nahm Nationalcenter Chris McNaughton die Sache in die Hand. Er erzielte neun Punkte, ehe ihn der Ellenbogen eines Gegenspielers stoppte. Der 28-jährige zog sich einen großen Cut auf dem Augenlid zu, den Teamarzt Jan Ernst in der Kabine kleben musste. „Da bleibt eine schöne Erinnerung an ein unschönes Spiel“, sagte McNaughton, der im Schlussviertel wieder spielte.
Schwache Eisbären bauten die Gäste systematisch auf. Die waren aus der Ferne sehr treffsicher. 14 ihrer 22 Dreierversuche landeten im Korb, das ist schon eine Wahnsinnsquote. Aber sie hatten es auch leicht. So viele offene Würfe werden sie in dieser Saison wohl nicht mehr bekommen. Denn so schlecht wie die Eisbären am Sonntag wird kaum eine andere Mannschaft verteidigen.
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