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Gauck sucht noch die Balance


Berlin. Manchmal kann es Joachim Gauck selbst noch nicht fassen. Er, der Bürger, der Wanderprediger der Freiheit, ist jetzt Bundespräsident. Stolz zeigt er seine neuen Manschettenknöpfe mit Bundesadler, dann erzählt er davon, dass er sich kurz nach Amtsantritt auch noch einen Frack und einen Cut für die Empfänge der Botschafter im Schloss Bellevue zulegen musste. Von Hagen Strauss


Joachim Gauck lacht bei solchen Geschichten aus dem Leben eines Staatsoberhauptes wie ein Kind, das vor dem Weihnachtsbaum steht. 100 Tage ist er jetzt im Amt. Die Nüchternheit, die Abgeklärtheit, der freudlose Stil eines Präsidial-Politikers, wie es sein Vorgänger Christian Wulff gewesen ist, sind Gauck nach wie vor fremd. Gauck ist Gauck. Das erhöht das Fettnäpfchenrisiko.

Er weiß das. Der 72-Jährige lässt sich ungern in ein Sprachkorsett zwängen. Er wählt seine Worte so oft wie möglich frei, er hat seinen eigenen Kopf, das kann auch schief gehen. Als Gauck neulich in Israel mit Blick auf die Sicherheit des Landes Angela Merkels Begriff der „deutschen Staatsräson“ partout nicht verwenden wollte, setzte er sich dadurch deutlich von der Kanzlerin ab. Es gab Ärger mit Berlin.

Das dicke Fell fehlt ihm

Gauck ruderte zurück – ein wenig jedenfalls. Das dicke Fell fehlt ihm doch noch, insbesondere, wenn ihn ein Anruf aus dem Kanzleramt ereilt. Er will trotzdem mutig bleiben. Das hat er bei der Verabschiedung des von Merkel gefeuerten Umweltministers Norbert Röttgen gezeigt. Als Gauck Röttgen bescheinigte, er habe früher als andere erkannt, „es ist Zeit für die Energiewende“, stand Merkel sichtlich angesäuert daneben. Vielleicht ist ihr dabei schlagartig wieder bewusst geworden, warum sie diesen Mann nicht als Präsidenten haben wollte – wegen seiner unbequemen Art. Angeblich haben sie sich inzwischen ausgesprochen.

Es ist eine Stärke des Ostdeutschen, mit klugen Sätzen und Gedanken selbstständig Akzente zu setzen. Emotional kann er sein, sehr sogar. Gauck ist interessiert und schöpft aus einem riesigen Vorrat an Wissen. Das beeindruckt seine Gesprächspartner.

In Berlin angeeckt

Im politischen Berlin ist der ehemalige Pfarrer in den ersten 100 Tagen jedoch durchaus angeeckt. Er habe zu viele Themen zu schnell hintereinander aufs Tableau gebracht, lautet die Kritik. Die Liste ist in der Tat lang: Der Bundespräsident spricht sich für eine flexiblere Gestaltung des Rentenalters aus, er warnt bei der Energiewende vor einem „Übermaß an Subventionen“. Er entfacht eine neue Kontroverse darüber, ob der Islam doch nicht zu Deutschland gehört – und er kommt der Bitte des Bundesverfassungsgerichts nach, seine Unterschrift unter den Fiskalpakt aufzuschieben. In 100 Tagen hat Gauck gefühlt mehr Themen angesprochen als sein Vorgänger Wulff in 598 Tagen. Die Deutschen mögen das: Laut einer aktuellen Umfrage wollen 48 Prozent, dass sich Gauck noch stärker zu aktuellen Fragen äußert. 33 Prozent lehnen dies ab.

Gleichwohl wirkt Gauck mitunter wie in einer Übergangsphase. Es ist ein Selbstfindungsprozess, den er durchläuft, mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Er sucht noch die Balance.

Seine wichtigste Beraterin ist dabei Lebensgefährtin Daniela Schadt, die dafür sorgen will, dass Gauck sich nicht zu sehr verändert. Im Schloss Bellevue wird erzählt, die gelernte Journalistin sage ihm genau, was zu tun und zu lassen ist. Das dürfte ihm geholfen haben, dass er bislang keine wirklichen Fehler gemacht hat. Sie in ihrer neuen Rolle als First Lady aber auch nicht.

Artikel vom 25.06.12 - 12:00 Uhr
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