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Die Pflege steht am Abgrund


Bremerhaven. Sie gilt als Pionierin der modernen Krankenpflege: Florence Nightingale – „die Lady mit der Lampe“ – starb am 13. August 1910. 100 Jahre nach ihrem Tod herrscht in der Pflege wieder der Notstand. Von Julia Ladebeck


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Die Arbeitsbedingungen haben sich völlig verändert, seit Florence Nightingale bis spät in die Nacht mit ihrer Lampe durch die Lazarette des Krimkrieges eilte. Dennoch sind es die nach wie vor nicht eben attraktiven Rahmenbedingungen des Berufes in Deutschland, die heute zu einem immer größeren Pflegepersonalmangel führen.

Laut dem Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) wird es „zunehmend schwerer oder unmöglich, freie Stellen mit qualifizierten Pflegefachkräften zu besetzen“. Der Grund: „Wegen der hohen Arbeitsbelastung, unattraktiven Rahmenbedingungen und den fehlenden Perspektiven im Beruf entscheiden sich immer mehr Pflegefachkräfte für den Ausstieg – häufig schon unmittelbar nach Ausbildungsende.“

In deutschen Krankenhäusern wurden innerhalb von 10 Jahren 50 000 Stellen in der Pflege abgebaut. Nach einer Berechnung von Professor Michael Simon von der Fachhochschule Hannover aus dem Jahr 2008 fehlen 70 000 Stellen in den Krankenhäusern. Auch in der stationären Altenhilfe gibt es deutlich zu wenig Stellen. Doch was wäre notwendig, um dem entgegenzusteuern?

Die Arbeitslast steigt

„Die Arbeitsbedingungen in der Pflege müssen verbessert werden“, fordert Johanna Knüppel vom DBfK. Die Arbeitslast, der Schweregrad der Pflegebedürftigkeit und der Zeitdruck seien kontinuierlich gestiegen. Auch zusätzliche Aufgaben würden den Druck erhöhen. „Zudem wurden viele Stellen für Pflegefachkräfte in Helferstellen umgewandelt.“

Die Bedingungen in der Pflege in Deutschland seien „erbärmlich schlecht“. „Nur durch eine Verbesserung wird man junge Menschen wieder für den Beruf begeistern können.“ Laut einem Bericht der Fachzeitschrift „Die Schwester – Der Pfleger“ von September 2009 wurde in der Kranken- und Altenpflege in den vergangenen zehn Jahren mehr als ein Drittel der Ausbildungskapazitäten abgebaut.

Weniger als 35 000 Schülerinnen und Schüler würden jährlich ihre Ausbildung in einem Pflegeberuf beenden. „Es kommen nicht genug junge Menschen nach“, sagt Johanna Knüppel. Deshalb müssten Quer- und Wiedereinsteiger aquiriert werden.

Ein weiteres Problem sei der hohe Anteil an Teilzeitbeschäftigten: 50 Prozent der Angestellten in der Alten- und Krankenpflege sind in Teilzeit tätig. „Die Fachkräfte gehen in Teilzeit, um die unerträglichen Belastungen im Beruf abzumildern“, erläutert Knüppel. Auch sie könnten nur durch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen motiviert werden, ihre Stunden aufzustocken.

Derzeit ist die Patientensicherheit laut DBfK vielerorts gefährdet. „Angesichts des Personalmangels erleben die Pflegefachkräfte ein moralisches Dilemma, weil die den Mangel organisieren und sich zwischen dem eigenen professionellen Qualitätsanspruch und einer Versorgung, die lebensbedrohliche Vernachlässigung der Patienten bedeutet, entscheiden müssen.“

Lohn wie Gebäudereiniger

Obwohl die Vergütung in Befragungen von Pflegekräften zur Zufriedenheit im Beruf an hinterer Stelle rangiert, spielt das Einkommen natürlich eine Rolle. „Wer gute Arbeit will, muss auch gut bezahlen“, sagt Johanna Knüppel. Die Festlegung des Mindestlohns für Pflegehelfer auf einem Niveau, das auf ähnlicher Höhe liege wie der für Gebäudereiniger, sei definitiv ein fatales Signal. Der Mindestlohn für Pflegehelfer liegt im Osten derzeit bei 7,50 Euro, in Westdeutschland bei 8,50 Euro. Gebäudereiniger erhalten 7 Euro pro Stunde im Osten und 8,55 Euro pro Stunde im Westen.

Florence Nightingale – Die Lady mit der Lampe

Florence Nightingale (12. Mai 1820 – 13. August 1910) war eine britische Krankenschwester. Sie gilt als Pionierin der modernen Krankenpflege. An ihrem Geburtstag wird der Internationale Tag der Krankenpflege begangen. Mit 33 Jahren übernahm sie die Leitung eines Sanatoriums für Gouvernanten in London und entwickelte es zu dem, was sie sich unter einem Krankenhaus vorstellte. Im Zuge des Krimkrieges (1853–1856) und der desolaten Versorgung der verletzten Soldaten, wurde Florence Nightingale als „Lady mit der Lampe“ bekannt. Bis spät in die Nacht drehte sie im Lazarett ihre Runden. Innerhalb von drei Monaten versorgte sie mit ihren Krankenschwestern 10 000 Soldaten. 1860 richtete sie eine Krankenpflegeschule am St. Thomas Hospital in London ein. Erstmals wurde die Krankenpflege in England zum Berufsstand erhoben.

Krankenpfleger/-in

Seit Januar 2004 gibt es den Beruf der Krankenschwester offiziell nicht mehr. Das Berufsbild wurde neu gegliedert und ging in dem Nachfolgeberuf Gesundheits- und Krankenpfleger/-in auf. Der Beruf ist eine Frauendomäne, Krankenpfleger sind die Ausnahme.

Die Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin dauert drei Jahre. Das Einkommen im ersten Ausbildungsjahr beträgt nach Tarif im ersten Jahr 807 Euro, im zweiten Jahr 867 Euro, im dritten Jahr 908 Euro. In Krankenhäusern und Kliniken mit Haustarifverträgen gibt es abweichende Regelungen.

Aufstiegsmöglichkeiten sind Fortbildungen zur Fachgesundheits- und Krankenpflegerin (zum Beispiel für Intensivmedizin, OP, Psychiatrie, Anästhesie, Onkologie), Weiterbildung zur Stations-, Bereichs- oder Pflegedienstleitung oder zum Praxisanleiter. Studiengänge sind beispielsweise Pflegemanagement, Pflegewissenschaft, Pflegepädagogik.

Die Bezahlung in staatlichen und kommunalen Einrichtungen erfolgt nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst. Laut dem Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe liegt der durchschnittliche Stundenlohn für Pflegefachkräfte bei 13 bis 15 Euro brutto. (jla)

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Artikel vom 12.08.10 - 07:00 Uhr
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