
Mittlerweile fühlt sich der in Indianapolis geborene Korbjäger sehr wohl auf dem alten Kontinent. Das war am Anfang gar nicht so. Als er im Jahr 2008 seine College-Zeit beendet hatte und feststand, dass es nicht zu einer Karriere in der NBA reichen würde, nahm er ein Angebot aus Sarajevo an. Und da wäre sein erstes Engagement im Ausland fast schon sein letztes gewesen. Denn Sarajevo, das war, wie er heute gesteht, schon fast ein kleiner Kulturschock.
„Ich war zum ersten Mal weg aus den USA und bin nach Bosnien-Herzegowina gekommen“, erinnert er sich. Der Coach sprach kein Englisch, die Team-Kollegen auch nicht. Training, Appartement, Training, Appartement, hin und wieder mal ein Spiel – das war sein Alltag. Klar, alle seien sehr nett zu ihm gewesen, aber verstanden habe er nichts, sagt er. Auch nicht, als er mit seinem Team bei einem Auswärtsspiel mal aus dem Bus gestiegen sei, „und wir dann durch ein Spalier von Soldaten, die Maschinenpistolen um den Hals baumeln hatten, in die Halle gehen mussten“. Das war für ihn völlig neu. Burrell hielt es bis Februar 2009 in Sarajevo aus, „dann habe ich meinen Agenten gebeten, den Vertrag aufzulösen. Ich habe gedacht: Wenn das in Europa überall so ist wie dort, werde ich nie wieder herkommen“.
So ist es ja aber nicht überall. Es folgten zwei Jahre in Belgien bei Verviers Pepinstar und Okapi Aalstar, mit denen Burrell Vizemeister wurde. „Das war schon ein großer Unterschied, Belgien war eine tolle Erfahrung, wir hatten ein tolles Team“, so Burrell heute. Dann, bei seinem letzten Klub, Czarni Slupsk in Polens Eliteliga, spielte er seine persönlich wohl beste Saison in Europa bisher.
15,6 Punkte erzielte er pro Spiel, gab noch 4,8 Assists und holte 2,8 Rebounds. Durch diese Werte wurden auch die Eisbären auf den neuen Spielmacher aufmerksam – und lotsten ihn zunächst für ein Jahr an die Unterweser und haben zudem noch die Option auf ein weiteres.
Mittlerweile hat sich der 27-Jährige auch in Bremerhaven gut eingelebt. „Spitze, wie sich hier um die Spieler gekümmert wird. Da hat alles perfekt geklappt“, sagt Burrell. Und das neue Team erst. „Richtig dufte, wir sind eine große Familie. Das ist eine tolle Teamchemie, jeder hilft jedem, auf dem Feld und auch abseits des Parketts“, hat der Amerikaner ganz schnell ausgemacht.
Burrell soll der Kopf des Teams sein. Das ist eine Aufgabe, der er sich gern stellt. Er ist schnell, sehr dribbelstark, verteidigt sehr gut, weil er an fast keinem gegnerischen Block hängen bleibt, hat einen guten Schuss, kann punkten, muss es aber nicht unbedingt. Manchmal, so hat es den Anschein, würde es seinem neuen Coach Doug Spradley noch besser gefallen, wenn er in Sachen eigene Punkte noch etwas zulegen würde. Das ist für die neue Nummer 4 der Eisbären aber noch gar nicht das oberste Gebot. „Ich habe mit Alex Harris und Justin Stommes zwei tolle Schützen auf dem Flügel. Wenn sie treffen und ich die Pässe gebe, ist das für mich genauso viel wert“, sagt er ganz bescheiden.
Mittlerweile funktioniert das Zusammenspiel mit den Nebenleuten schon recht gut. Mit Center Scott Morrison versteht er sich fast blind. Kein Wunder, denn die beiden haben schon ein Jahr in Slupsk gemeinsam gespielt. Aber auch Jacob Burtschi steht bei Burrell ganz hoch im Kurs. „Unglaublich, wie schnell der als großer Spieler vorne ist. Du dribbelst mit vollem Tempo nach vorn, schaust – und Jake ist schon da“, sagt er lachend.
In Polen haben ihn die Slupsk-Fans verehrt. Nicht nur, weil er immer alles gegeben und viele Punkte erzielt hat, sondern auch, weil er es liebt, mit dem Publikum zu spielen. „Das gehört für mich dazu. Die Fans auf der Tribüne sind für mich der letzte kleine Kick, den ich brauche, um gut zu spielen“, gesteht er. Je lauter sie sind, je mehr sie jubeln und brüllen, desto besser spiele er.
Mittlerweile kennt sich Burrell auch in Bremerhaven schon recht gut aus – in Sachen Essen vor allem dank Jonathan Malu. „Ich glaube, Jonny kennt jedes Restaurant in der Stadt“, sagt der neue Point Guard anerkennend. Hungrig müsse er nie ins Bett gehen, sagt Burrell. Nur der Erfolgshunger, der ist noch nicht gestillt. Das soll spätestens mit Saisonbeginn am 3. Oktober geschehen.
