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Der Triumph der alten Dame


Bremerhaven. Eine Greisin. Ein bisschen bösartig und sehr verwirrt. Dieser Alten würde man im wirklichen Leben möglichst aus dem Weg gehen. Im Kleinen Haus in Bremerhaven begegnet man ihr dagegen mit Respekt, Respekt vor der großartigen Leistung von Christine Dorner, die die Demenzkranke in Edward Albees Schauspiel „Drei große Frauen“ spielt. Von Anne Stürzer


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Die Alte (Christine Dorner, links), die Junge (Sonja Dengler, Mitte) und die Mittelalte (Hella-Birgit Mascus) ringen miteinander um den richtigen Lebensentwurf . Foto Sandelmann

Ein schweres Thema, das sich der amerikanische Dramatiker da in seinem 1991 uraufgeführten Stück vorgeknöpft hat. Es geht ums Sterben, ums Loslassenkönnen, um die Bilanz eines Lebens. Doch die Bremerhavener haben keine Angst vor dem gewichtigen Stoff. Regisseur Markus Röhling verlässt sich zu Recht ganz auf seine glänzend aufgelegten Darstellerinnen. Zudem kitzelt er auch die leichten Momente aus dem ernsten Drama heraus.

Der Autor breitet nicht nur das Schicksal seiner Adoptivmutter vor uns aus, sondern stellt grundsätzliche Fragen: Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Wie funktioniert Erinnerung? Albees Heldin, der Einfachheit halber nur A genannt, muss sich in zwei völlig unterschiedlichen Akten behaupten. Der erste scheint ganz wirklich, der zweite kippt ins Irreale.

Zunächst führt der Dramatiker die alte Frau mit all ihren Macken und Wehwehchen vor. In ihrem einst prächtigen Schlafzimmer (Ausstattung: Eckhard Reschat), das irgendwann im vergangenen Jahrhundert einmal modern war, sitzt die 91-Jährige an ihrem Lieblingsplatz, ein Plaid umhüllt ihre Beine. Sie hat sich wie zum Ausgehen aufgetakelt. Doch weiter als bis zur Toilette und zum Bett kommt sie nicht mehr.

Ihre Stimmungen schwanken extrem. Mal macht sie sich über die junge Rechtsanwaltsgehilfin, die unbedingt Papiere ordnen will, lustig, mal quengelt sie, weil sie ohne Gehhilfen laufen möchte oder sich nicht daran erinnern kann, wie die Geschichte weitergeht, die sie erzählen wollte. Klare und nicht so klare Momente wechseln sich ab. Christine Dorner überzeugt als A in jeder Sekunde, vollzieht blitzschnell den Wechsel von Himmel hoch jauchzend hin zu zum Tode betrübt. Keine Frage, dies ist der Triumph der alten Dame.

Heitere Gelassenheit

Doch Dorner lässt auch den beiden jüngeren Darstellerinnen B und C Raum, die sich – auch wenn sie wie C im ersten Akt kaum zu Wort kommen –, spielend behaupten. Die Pflegerin (Hella-Birgit Mascus) begegnet der Kranken meist mit heiterer Gelassenheit, schimpft sie nur dann und wann ein „böses Mädchen“. Die junge Anwaltsgehilfin (Sonja Dengler) ekelt sich dagegen vor ihrer Klientin, fürchtet sich vor Berührungen und hat einen Reinlichkeitsfimmel. Das ist wirklich komisch.

Vollends zur schwarzen Komödie wandelt sich die Geschichte im zweiten Akt. Die Gesetze von Zeit und Raum sind nun außer Kraft gesetzt, eine andere Dimension wird aufgefächert. Einzig der Sohn von A (sehr präsent in seiner stummen Rolle: José Martinez Grau) klammert sich ans Reale, sieht nicht die Seelen, die sich um ihn herum versammelt haben.

Die drei Frauen verschmelzen zu einer Person. A, B und C, die die verschiedenen Lebensalter von A verkörpern, ringen miteinander: Die Junge rebelliert, will das vorgezeichnete Gleis verlassen. Die Alte wirft ihr Naivität vor, die 50-Jährige steht irgendwo dazwischen. Den Sinn des Lebens muss schon jede für sich selbst finden. Die Zuschauer jedenfalls treibt am Ende die bange Frage um: Was ist eigentlich aus den Träumen von einst geworden?

Auf einen Blick

Premiere: „Drei große Frauen“ von Edward Albee

Ort: Kleines Haus in Bremerhaven

Zeit: Die nächsten Vorstellungen sind am 11. und 19. Februar, jeweils um 19.30 Uhr

Karten: Zwischen 5,60 und 11,90 Euro unter 04 71/4 90 01

Artikel vom 08.02.10 - 11:00 Uhr
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