Das Nebelhorn ist wie ein Startsignal. Wenige Sekunden nach dem lauten „Tuuut“ aus dem nahen Kaiserhafen setzt sich der rot-weiße Stahlkoloss langsam in Bewegung. Es ist die letzte Etappe der langen Reise, die den Kopf des ehemaligen Leuchtturms „Großer Vogelsand“ wieder in seine Geburtsstadt Bremerhaven geführt hat.
300 Meter sind es vom Zolltor Roter Sand zum „Havenhostel“, wo der Turmkopf innerhalb eines Jahres zur neuen Touristenattraktion mit Café und Aussichtsplattform umgebaut werden soll. 300 Meter, die es in sich haben. Schließlich wiegt der Stahlgigant rund 250 Tonnen, ist 15 Meter hoch und fast ebenso breit. Solche Zahlen können Gils Frahm von der Schwerlastspedition Kronschnabel & Franke nicht beeindrucken. Schließlich hat er in seinem Berufsleben schon ganz andere Lasten bewegt. Die größte war ein 2600 Tonnen schweres Brückenteil im Hamburger Hafen. Seelenruhig steht er neben dem Koloss und setzt die Fuhre mit seiner überdimensionalen Fernbedienung in Bewegung. Mit infernalischen Getöse bringt der 420 Kilowatt starke Motor die zehn Achsen der selbstfahrenden Transportwagen ins Rollen. Gils Frahm stört der Lärm nicht, seine „Micky-mausohren“ schützen ihn. Gleichzeitig hört er über sie die Funkkommandos seiner Kollegen Stefan Stiller und Thomas Reks. Die beiden gehen vor dem Transport und sagen Bescheid, wenn die Straße uneben wird oder ein Hindernis im Weg steht.
Die erste Hürde ist eine Unebenheit am Zollzaun. Stahlplatten sollen dafür sorgen, dass der Transport nicht schon nach wenigen Metern stecken bleibt. Trotzdem schauen alle wie gebannt auf die heikle Stelle. Unter der Last von 250 Tonnen biegen sich die Platten wie Coladosen unter einer Straßenwalze, aber sie halten. Das erste Hindernis ist geschafft.
Davor stehen rund 80 Zaungäste. Statt vor dem Fernseher – Fußball gucken – sind sie zum Hafen gekommen, um den Transport live und aus nächster Nähe zu beobachten. Zu ihnen gehören auch Ute Apholz und ihr Sohn Torben. Eigentlich wollten die beiden beim Spiel Deutschland gegen Serbien auf der Großbildleinwand am Neuen Hafen mitjubeln.
Weil sie aber etwas zu spät waren und nicht mehr reingelassen wurden, haben sie sich kurzfristig für den Schwertransport entschieden. „Das war unser Notfallplan“, sagt Ute Apholz. Den Spielstand bekommen sie trotzdem mit. Vater Uwe verfolgt das Spiel am Fernseher und gibt Serbiens Treffer übers Handy durch. Auch Anneliese Schiller möchte sich das Spektakel nicht entgehen lassen. „Fußball ist immer, das hier ist einmalig“, sagt sie.
Nach einem weiteren kleinen Hindernis – Mitarbeiter des Amts für Straßen- und Brückenbau haben ihren Bus am Straßenrand geparkt – nähert sich der Transport seinem Ziel. Zum Glück sind die Straßen wie leergefegt. Die Verkehrsbehörde hatte den Transport mit Bedacht auf die Zeit des WM-Spiels gelegt. Nachdem die 90-Grad-Kurve zum ehemaligen Hof der Kaserne am Roten Sand genommen ist, glauben alle, das Gröbste hinter sich zu haben. Doch plötzlich macht ihnen die Pappel neben dem alten Kasernentor einen Strich durch die Rechnung. Ihre Krone versperrt dem Leuchtturmkopf die Passage, jetzt ist der Ausleger für die Positionslampen wirklich zu lang.
Rund eine Viertelstunde dauert es, bis auch dieses Problem gelöst ist: per Kettensäge. Krachend fallen die dicken Äste zu Boden. Der Transport kann weitergehen. Die letzten Meter sind dann nur noch Routine. Gils Frahm lässt die Motoren aufheulen. Dann ist der Leuchtturm „Großer Vogelsand“ am Ziel.

