
Der Platz neben der Vereinsheim-Terrasse ist sein Revier, hier ist Unterhaltung garantiert. Mal redet der Italiener vorwurfsvoll auf einen Ball ein, den er nicht mehr erlaufen hat. Mal haut er mit der Grandezza eines Toreros einen Schmetterball ins gegnerische Feld. Er verdreht die Augen, er wirft Kusshände, er spielt beleidigte Leberwurst. Er redet mit den Zuschauern, mit sich selbst – und einmal sogar mit dem Schiedsrichter, der gerade entschieden hat, dass sein Ball aus war. „Aber es war doch ein schöner Schlag“, sagt Ocera zum Schiedsrichter. „Ja“, antwortet der. „Aber er zählt nicht?“, fragt Ocera in gespielter Verzweiflung.
Die meisten Gegner machen den Fehler, diese lockere Art mit Unkonzentriertheit zu verwechseln. Aber Massimo Ocera ist niemals unkonzentriert. „Ich liebe die Show“, sagt er, aber noch mehr liebt er es, zu gewinnen. Das hat er auch gestern wieder geschafft – es hat nur ewig gedauert. Nach 2 Stunden und 50 Minuten stand sein Sieg fest: 7:6, 5:7, 11:9. Und danach: Jubelrufe, Händeschütteln, Schulterklopfen. Alle lieben Ocera, und der Italiener strahlt: „Die Unterstützung ist großartig, das ist der größte Spaß, den ich haben kann.“
Die meisten seiner Mannschaftskameraden hatten gegen Reutlingen weniger Spaß. Am schlimmsten traf es Renzo Olivo, der überhaupt kein Bein an den Grund bekam und in Windeseile 0:6, 1:6 gegen Nils Langer verlor.
Diese Pleite zog gleich die nächste nach sich: Weil er viel eher dran war als gedacht, schlang Juan Martin Aranguren sein Essen so schnell herunter, dass ihm auf dem Platz zweimal übel wurde. Trotz einer 4:1-Führung verlor er so den ersten Satz mit 5:7. Totenbleich rannte der Argentinier zur Toilette.
Dass es nach den Einzeln dennoch 3:3 stand, war Alberto Giraudo und Marc Sieber zu verdanken. Giraudo gewann nicht zuletzt, weil sein Gegner Daniel Stöhr sich zusätzlich zum Tennis-Match noch einen Kleinkrieg mit der Schiedsrichterin lieferte. „Der war 100 Meter im Aus, aber du siehst ja nichts“, sagte er einmal. „Du machst deinen Job nicht richtig“, meckerte er. Schiedsrichterin Sina Paulsen aus Braunschweig ließ sich von diesen Angriffen aber nicht beirren, und den Reutlinger kosteten seine Sperenzchen so viel Konzentration, dass er 4:6, 2:6 verlor.
Das schönste Tennis auf Bremerhavener Seite bot erneut Marc Sieber, obwohl er seit über einer Woche Probleme mit dem Knie hat. „Er ist mit Abstand unser bester Spieler“, schwärmte Trainer Torben Theine. Tatsächlich: Wer keine Oper, sondern Tennis sehen will, muss Marc Sieber zuschauen. Mit Diego Alvarez machte er kurzen Prozess, und auch im Doppel an der Seite von Lars Pörschke bot er spektakuläre Ballwechsel und Netzangriffe. Aber gegen Ende konnte Sieber kaum noch laufen, so wurde die Niederlage unvermeidbar.
Auch die beiden anderen Doppel gingen verloren, so dass am Ende eine 3:6-Niederlage stand, die aber niemandem wehtut, denn absteigen kann der BTV trotzdem nicht mehr.
Trainer Theine war dennoch unzufrieden: „ Ich hätte mich gerne mit einem Sieg vom Publikum verabschiedet.“ Für das letzte Spiel morgen beim Tabellenzweiten Radolfzell erwartet er nicht viel, „nur dass wir uns dort vernünftig präsentieren.“
Seine Saison-Bilanz passt in zwei Sätze: „Das Hauptziel Klassenerhalt haben wir geschafft, aber wir haben wieder nur drei Siege geholt. Ich hätte gedacht, dass unser Niveau höher ist als in der vergangenen Saison.“
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