Orthopädietechnikermeister Tim Bohlmann und Geschäftsführer Guido Koenen (von rechts) brachten 15 Lesern ihr Handwerk näher: Das klassische Holzbein kommt nur noch selten zum Einsatz, inzwischen sind Prothesen wahre „Hightech-Wunder“. Foto: Brocks
Orthopädietechnikermeister Tim Bohlmann und Geschäftsführer Guido Koenen (von rechts) brachten 15 Lesern ihr Handwerk näher: Das klassische Holzbein kommt nur noch selten zum Einsatz, inzwischen sind Prothesen wahre „Hightech-Wunder“. Foto: Brocks

„Jede Prothese ist einzigartig“

Debstedt. Arme, Beine und Oberkörper aus Gips liegen auf Werkbänken oder stehen in Regalen: Jedes Modell gehört zu einem Kunden der Debstedter Orthopädiefirma Koenen. Bei einer „NZ+Ich“-Aktion konnten sich 15 Abonnenten der NORDSEE-ZEITUNG ansehen, wie Prothesen, also künstliche Gliedmaßen, und Orthesen, medizinische Hilfsmitteln zur Stabilisierung von Gliedmaßen, gefertigt werden.

Herzstück der Firma ist die Werkstatt: „Auch wenn die moderne Technik immer stärker Einzug hält, handelt es sich bei unserer Arbeit noch immer um ein Handwerk“, macht Geschäftsführer Guido Koenen deutlich.

Die Produktion ist zeitaufwändig: Zuerst wird ein Gipsabdruck des Körperteils oder Stumpfs genommen. Anschließend wird – im Fall einer Prothese –an Hand des Modells der sogenannte Prothesenschaft – also das Verbindungsstück zwischen Stumpf und Prothese – gestaltet. Es folgen zahlreiche Anproben, Feinjustierungen und Kontrollen. Im „Gehgarten“ vor der Tür zeigt sich, ob die Träger mit ihren Hilfsmitteln zurechtkommen und auch Hindernisse wie Treppen oder Holzbrücken überwinden können.

„Wichtig ist, dass die Prothese perfekt sitzt“, sagt Orthopädietechnikermeister Tim Bohlmann. Das künstliche Körperteil müsse sich perfekt an den Stumpf anschmiegen: „Nur wenn der Schaft genau passt, können Druckstellen, Schmerzen oder Entzündungen vermieden werden.“ Neben der perfekten Passform spiele auch der mentale Aspekt eine wichtige Rolle: „Mit einer Prothese läuft es sich nicht von allein. Da muss man sich anfangs reinarbeiten. Bei einigen Patienten ist das Laufbild irgendwann aber so schön, dass man kaum erkennt, dass sie eine Prothese tragen“, so der Experte.

Prothesen als „Hightech-Wunder“

„Das klassische Holzbein gibt es auch noch“, sagt Tim Bohlmann, doch die heutigen Prothesen seien meist wahre „Hightech-Wunder“. Fast alle seien inzwischen mit Sensoren ausgestattet, die selbstständig bestimmte Situationen – etwa die Belastung der Gelenke – erkennen, darauf reagieren und dem Träger so den Alltag erleichtern sollen.

Jede Prothese ist einzigartig und wird speziell an die Bedürfnisse des Patienten angepasst: „Weniger Aktive brauchen eine andere Technik als diejenigen, die sich viel bewegen, vielleicht sogar Leistungssport betreiben“, erklärt Bohlmann. Inzwischen sind Pro- und Orthesen längst nicht mehr nur hautfarben, viele haben ein buntes Design: „Gerade für Kinder ist das eine Motivationshilfe“, weiß Bohlmann.

„Mich hat es überrascht, wie vielfältig die Möglichkeiten heutzutage sind“, sagt Monika Pülschen. Fasziniert habe sie vor allem die Möglichkeit des 3-D-Scans. Diese Technik kommt bei Koenen vor allem bei der Arbeit am Kopf zum Einsatz: Mit Hilfe des 3-D-Modells und Fingerspitzengefühl baut der Techniker eine Kopforthese, also eine korrigierende Schale für den Kopf. „Ich finde es spannend, dass immer mehr elektronische Teile Einzug halten, aber trotzdem noch so viel Handarbeit im Spiel ist“, sagt Jörg Fick. „Ich habe früher schon mit körperlich beeinträchtigten Menschen gearbeitet“, sagt Paul Heidemann (20), der sich für eine Ausbildung in der Orthopädie interessiert. „Es ist ein Bereich, in dem man mit seiner Arbeit Menschen etwas Gutes tun kann.“