Bange Stunden im Wald von Compiègne
Das BR-Dokuspiel "Gewaltfrieden" rollt am Freitag, 19.02., und Sonntag, 21.02., 20.15 Uhr (BR-alpha), die Geburtsstunden der ersten Republik auf
Ein diplomatisches Himmelsfahrtskommando, um das niemand zu beneiden war: Matthias Erzberger, Politiker der Zentrums-Partei und Leiter der deutschen Waffenstillstandskommission, fuhr mit einem Salon-Wagen in die Nähe von Versailles - und wurde vorgeführt wie ein einfacher Schuljunge. Nach Stunden fast endlosen Wartens wurde der Unterhändler einer deutschen Nation, die in den letzten Kriegstagen 1918 de facto führungslos war, vor Marschall Ferdinand Foch gerufen. Dieser diktierte ihm schier unerfüllbare Kapitulationsbedingungen. An der Heimatfront brachen derweil chaotische Machtkämpfe aus. In einem neuen, strikt auf historischen Zeugnissen basierenden Dokumentarspiel rollte Bernd Fischerauer für BR-alpha die Geburtsphase der Weimarer Republik auf. "Die Filme sollen wieder Lust auf Geschichte machen", sagte der Regisseur, der bereits für den BR das Kammerspiel "Hitler vor Gericht" inszenierte. Das Ergebnis, Gewaltfrieden" (Fr., 19.02., So., 21.02., 20.15 Uhr, BR-alpha), kann sich sehen lassen, wenn auch einige Schauspieler leise murren.

Berlin, 9. November 1918: Vom Schlossbalkon wird die Republik ausgerufen, die Menge jubelt.
Bild von: BR / Steffen Bauer.
Dass Geschichtsfernsehen für den BR-alpha-Chef Werner Reuß nicht nur eine Herzensangelegenheit ist, sondern fast schon eine Art Staatsbürgerpflicht, zeigte sich deutlich auf der BR-internen Premierenfeier. Zu der war nämlich neben vielen einflussreichen Rundfunkräten auch Staatsminister Siegfried Schneider geladen. Von der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" sprach dann auch der Leiter der bayerischen Staatskanzlei und spielte damit auf die verhängnisvollen Geschichtslinien an, die vom Wald von Compiègne bis hin zur Nazizeit führten. Lange Zeit wurde das Vertragswerk von reaktionären Kreisen im Reich als "Schandfrieden" von Versailles tituliert. Die letzten Raten der Reparationszahlungen werden übrigens 2010 getilgt.
Um in dem von Regisseur Bernd Fischerauer souverän orchestrierten Ensemblestück den Überblick zu behalten, empfiehlt sich eine gut sortierte Handbibliothek neben dem Fernseher. Einige Personen des Zeitgeschehens, etwa der Spartacusbund-Anführer Karl Liebknecht (Uwe Poppe), die Kommunistin Rosa Luxemburg (Adriana Alteras), aber auch die Militärs Paul von Hindenburg (Rainer Basedow) oder Erich Ludendorff (Christian Hoening), dürften vielen wenigstens ihren Namen nach bekannt sein. Mit anderen wichtigen Handlungsträgern wie Gustav Noske (Torsten Münchow), dem SPD-Mann "fürs Grobe", oder dem späteren Außenminister Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau (Mathieu Carrière) dürften sich selbst Kenner wohl etwas schwer tun.
Beim Kunststück, die Geschichtsläufe zu veranschaulichen, orientieren sich Fischerauer und sein Drehbuch-Co-Autor Klaus Gietinger im Wesentlichen an zwei Protagonisten: dem deutschen Unterhändler Erzberger und dem flamboyanten Salonlöwen und Tagebuchschreiber Harry Graf Kessler. Letzterer wird von Roland Renner sehr eindringlich als liberaler Freigeist angelegt, in dessen Haus Politiker, aber auch viele Künstler wie Johannes R. Becher, der Maler Georg Gosz und die Schauspielerin Tilla Durieux ein und aus gingen.
"Ich hätte damals nie Politiker sein wollen", stöhnt Hans Hohlbein, der Matthias Erzberger spielt. Immerhin blieb selbst wortmächtigen Protagonisten wie dem Zentrums-Politiker oder dem späteren ersten Reichskanzler Friedrich Ebert (kongenial verkörpert von Jürgen Tarrach) nicht viel mehr übrig, als in dem engen Rahmen zu agieren, den ihnen die zynisch taktierenden Militärs ließen. Grob vereinfacht versucht Fischerauer, zu argumentieren, dass die machtversessenen Generäle um Hindenburg und Ludendorff das geschlagene Kaiserreich nur deswegen bereitwillig in eine Republik entließen, damit man die aufstrebenden SPD-Politiker später als Sündenböcke für den verlorenen Krieg abstempeln konnte.
Wie schon beim hoch gelobten Dokumentarspiel "Hitler vor Gericht" rekonstruierten Bernd Fischerauer und Klaus Gietinger die historischen Abläufe anhand einer Unzahl von Zeitzeugenberichten, den Tagebuchaufzeichnungen von Graf Kessler, amtlichen Protokollen und Briefen. Die Akkuratesse ihrer Arbeit ließen sie sich von einem wissenschaftlichen Stab überprüfen. Der Historiker Eberhard Kolb bescheinigte dem Drehbuch zunächst auch nur "kleinere Fehler, die alle korrigiert werden können".
Die Kehrseite dieser Faktenversessenheit, mit der sich Werner Reuß auch gegenüber den Fernsehfilmredaktionen des BR absichern möchte, ist allerdings eine etwas hölzerne Wirkung mancher Spielszenen. Mathieu Carrière beklagte etwa, dass in den Protokollen, die vielen Dialogen zugrunde lagen, der normalen Sprache Gewalt angetan wurde. "Die Beamten sprachen kein Deutsch, sondern Schriftdeutsch", scherzte er.
Etwas tiefer geht der Seitenhieb, den der Starschauspieler anlässlich der "Gewaltfrieden"-Premiere an die versammelte BR-Obrigkeit richtete. "Es ist bitter", so Carrière, "dass wir gezeigt haben, dass man in so kurzer Zeit mit so wenig Geld einen so tollen Film machen kann". Das hochkarätige Ensemble, unter dem sich mit Alexander Held auch ein erklärter "historischer Wiederholungstäter" befand - er war schon bei "Hitler vor Gericht" mit von der Partie -, hätte sich mit einem Viertel der üblichen Gagen zufrieden geben müssen. "Als Schauspieler ist man verführbar", resümiert Carrière.
Das zweiteilige, jeweils knapp 90-minütige Dokumentarspiel "Gewaltfrieden - Die Legende vom Dolchstoß und der Vertrag von Versailles" wird vom Bildungssender BR-alpha am Freitag, 19. Februar, und am Sonntag, 21. Februar, jeweils 20.15 Uhr, gezeigt - flankiert durch Dokumentationssendungen. Für den Einsatz in Schulen soll es auch Filmfassungen in kürzeren 60-Minuten-Stückelungen geben. Eine Ausstrahlung im BR-Programm ist für das spätere Frühjahr vorgesehen, die Sendetermine stehen allerdings noch nicht fest.
teleschau der Mediendienst
Anspruchsvoll, nicht elitär
Oscar-Preisträger mit Herzflattern
Ein einziges Tasten im Dunkeln

Jürgen Tarrach (links) interessierte sich sehr für eine Zusammenarbeit mit Regisseur Bernd Fischerauer.
Bild von: BR / Natasha-I. Heuse

Geschichte lebendig machen: Regisseur Bernd Fischerauer (links), Jürgen Tarrach (Mitte) und Drehbuchautor Klaus Gietinger tauchten gemeinsam in die Zwischenkriegszeit ein.
Bild von: BR / Natasha-I. Heuse

Aufgezwungene Friedensbedingungen: Der deutsche Unterhändler Erzberger (Hans Hohlbein) unterschreibt im Salonwagen im Wald von Compiègne.
Bild von: BR / Steffen Bauer

Förderer der Künste: Graf Kessler (Roland Renner) führt ein offenes Haus und notiert das Weltgeschehen in seinen Tagebüchern.
Bild von: BR / Steffen Bauer

Turbulente Straßenszenen: Matrose Benno Wöllke (Benjamin Kramme, Mitte) versucht auf einer Demonstration in Berlin ein Blutvergießen zu verhindern.
Bild von: BR / Steffen Bauer

Matrose Wöllke (Benjamin Kramme) ist auf der Flucht vor Landwehrsoldaten. Er versteckt sich in einer Toreinfahrt.
Bild von: BR / Steffen Bauer

Deutsche Interessen vertreten: Graf Brockdorff-Rantzau (Mathieu Carrière) agiert als Außenminister auf schwieriger Mission.
Bild von: BR / Steffen Bauer

Würdenträger im Frack: Jürgen Tarrach spielt im BR-Dokuspiel "Gewaltfrieden" den ersten deutschen Reichspräsidenten Friedrich Ebert.
Bild von: BR / Steffen Bauer

Machtpolitiker: Friedrich Ebert (Jürgen Tarrach, links) und der spätere Reichswehrminister Gustav Noske (Torsten Münchow) stehen an der Spitze der jungen Weimarer Republik.
Bild von: BR / Steffen Bauer

"Ich bin selbst geschichtsbegeistert": Jürgen Tarrach spielt im Dokuspiel "Gewaltfrieden" den Reichspräsidenten Friedrich Ebert.
Bild von: BR / Natasha-I. Heuse