
Die Sonne strahlt, das Wetter ist schön. Die Besucher zieht es an diesem Sonntag an den Strand und ins Watt. Nur vereinzelt lockt sie der schwarze, hoch aufragende Turm. Doch Heike Grotheer ist trotzdem die Freude ins Gesicht geschrieben. „Ich habe schon unter Leuchtturmentzug gelitten“, verrät die 52-Jährige.
Schon seit zweieinhalb Jahren führt Grotheer als Mitglied des Fördervereins Besucher durch den Leuchtturm Obereversand. Und sie schwärmt von ihrer Arbeit: „Wir lernen viele nette Leute quer durch die Republik kennen und erleben viele neue Eindrücke.“
Sieben Gäste folgen ihr heute bei dieser ersten Führung nach vier Monaten Renovierung. Sie folgen ihr in den Lagerraum, in die Küche 17 Stufen höher, in das Dienstzimmer. Grotheer erzählt, wie 1923 das Feuer auf Obereversand gelöscht wurde und der Turm eine „Zufluchtsstelle für Schiffbrüchige“ wurde. Sie zeigt das dicke Leuchtturm-Tagebuch und erklärt: „Auch die Wärter wurden von der Bürokratie nicht verschont – dreifache Ausführung wurde verlangt.“
Währenddessen lehnt draußen ihr Kollege Hanno Fischer am Geländer. Der 64-Jährige hält Ausschau nach Besuchern. Er lockt sie aber nicht in die Ausstellung. Nein, als ehemaliger Marineoffizier, der er ist, „shanghait“ er sie. „Wir sind froh, den Turm in neuem Kleid zu präsentieren“, sagt er. „Wir können hier den vielfach nautisch Unerfahrenen etwas mitgeben von unserer Heimat, der See und der Schifffahrt.“
Heike Grotheer ist inzwischen mit ihren Gästen oben an der Laterne angekommen. Dreißig Minuten in der Welt der Leuchtfeuerwärter von Obereversand nähern sich ihrem Ende. Nur eines noch: die Nebelglocke. „Zwei kurze Schläge, dann eine Minute Pause – das war das Signal für diesen Leuchtturm“, erklärt sie, „das kannte jeder Kapitän auswendig.“ Heute dürfen die Gäste auch mal läuten. Und heute läutet auch Heike Grotheer. Zwei mal kurz und Pause – wie die zwei Männer vor 123 Jahren. Zwar weist das Signal keinem Schiff mehr den Weg, aber vielleicht einigen Besuchern.
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