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Kühles Nass frei Haus

Unverdrossen schleppen die Verbraucher Wasserflaschen aus dem Laden in ihre Wohnungen – ein zum Teil absurder und obendrein kostspieliger Einkauf. Dabei fließt das Nass bekömmlich und viel billiger aus dem Hahn: für etwas mehr als 0,4 Cent pro Liter – und das ohne jede Schlepperei, umweltfreundlicher obendrein. Walter Schmidt

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Sauberes Wasser – ein unbeachteter Luxus in unseren Breitengraden. Und billig ist es obendrein. Ganz anders die Lage in den heißen Zonen. Hier ist sauberes Wasser ein seltenes und für viele unerschwingliches Gut.

Man muss nur mal nachrechnen: Ein Liter frisches und bestens kontrolliertes Leitungswasser kostet in Deutschland weniger als einen halben Cent. Selbst für Mineralwasser in Billigmärkten muss man jedoch mindestens das 25-fache berappen – pro Liter etwa 13 Cent, oft aber ein Vielfaches davon.

Das ist hochgradig kurios: Während nämlich Autofahrer im Grenzgebiet weite Umwege und Zeitfraß in Kauf nehmen, um an einer ausländischen Zapfpistole unterm Strich 10 oder 15 Euro je Tankfüllung zu sparen, verschleudern sie tagtäglich Geld beim Wasserkauf. Trinkt nämlich eine dreiköpfige Familie nur einen Liter billigstes Mineralwasser pro Tag und Person, summiert sich die mögliche Ersparnis durch ungesprudeltes Leitungswasser übers Jahr auf etwa 150 Euro – mindestens. Das Doppelte oder Dreifache ist drin, wenn die Wahl alternativ auf Fitness- oder Edelwässerchen fallen würde.

Bei heimischen Markenwässern sind für einen Kasten mit zwölf Dreiviertel-Liter-Flaschen ohne Pfand oft 4 bis 8 Euro zu zahlen. Das sind 44 bis 88 Cent pro Liter – mithin 110- bis 220-mal so viel wie dieselbe Menge Leitungswasser kostet. Und das, obwohl die Deutschen wie kaum ein anderes Volk in Europa bei den Nahrungsmitteln sparen.

Wer Leitungswasser trinkt, braucht zudem keine Wasserkästen zu schleppen und womöglich nicht einmal mit dem Auto einkaufen zu fahren – das Fahrrad tut es dann mitunter auch. Und wer den Wasserhahn aufdreht, könnte sich von der Ersparnis pro Liter schon den Mehrpreis eines oder gar zweier Bio-Eier leisten. Davon hätten auch die Hennen etwas.

Der Bundesverband des Deutschen Getränkefachgroßhandels (BV-Gfgh) hält diesen Argumenten einen Strauß eigener entgegen, die für Mineralwasser sprechen sollen. Für Geschäftsführer Günther Guder handelt es sich bei Mineral- und Leitungswasser „um zwei völlig verschiedene Produkte“. Zwar räumt er ein, dass die Stadtwerke grundsätzlich Trinkwasser von „unbedenklicher Qualität“ liefern. Aber erstens müssten sie ihr Wasser sommers zeitweise chloren, um die Keimbelastung zu senken. Und zweitens könnten die Stadtwerke „nicht garantieren, dass das Wasser auch so sauber aus dem Hahn kommt“, wie es das Wasserwerk verlassen hat. „Die Fürsorgepflicht der Wasserwerke endet am Übergabepunkt“, sagt Guder. Je nach Zustand der Hausleitungen verliere Leitungswasser „auf den letzten Metern oft an Qualität.“

Problemfall Bleirohr

Bleirohre in alten Häusern zum Beispiel können die Qualität des Trinkwassers in der Tat beeinträchtigen, natürlich auch etwaige Risse oder Löcher in unterirdischen Wasserrohren. Hinzu kommen laut Guder hygienische Mängel an der Endverbrauchsstelle: Die Strahlregler am Wasserhahn, auch Mischdüsen oder Luftsprudler genannt, würden häufig nur selten, wenn überhaupt, gereinigt oder gewechselt, was die Wasserqualität ebenfalls mindern könne.

In seinem Faltblatt „Mineralwasser – Glasklare Vorteile für Sie!“ listet der BV-Gfgh „juristisch abgeprüfte Argumente“ pro Mineralwasser auf. Zum Beispiel dieses: „Natürliches Mineralwasser ist ein Tiefenwasser von unverfälschter Reinheit und größter Vielfalt. Sein Gehalt an lebenswichtigen Mineralien verleiht ihm zudem einen echten Mehrwert.“

Hier ist anzumerken, dass Menschen sich Mineralstoffe auch über die Nahrung zuführen und auf Mineralwasser keineswegs angewiesen sind. Deren Gehalte an Calcium, Natrium, Magnesium und Kalium weichen ohnehin stark voneinander ab, je nach dem Speichergestein des angezapften Tiefenwassers.

Zudem enthält auch Leitungswasser Mineralien, deren Menge und Zusammensetzung sich beim lokalen Wasserversorger leicht erfragen oder auch übers Internet abrufen lässt. So enthält zum Beispiel das Düsseldorfer Trinkwasser Analysen der dortigen Stadtwerke zufolge 211 Milligramm pro Liter Hydrogencarbonat, 36 Milligramm Natrium und 82 Milligramm Calcium.

Freilich hat auch wiederum Günther Guder Recht, wenn er sagt: „Leitungswasser ist Vertrauenssache, Mineralwasser Gewissheit.“ Das Mineralwasser-Etikett zeige „auf einen Blick, welche Mineralien in welchen Mengen enthalten sind“.

Kunststoffflaschen umstritten

Da Mineralwasser heute oft in PET-Kunststoffflaschen angeboten wird, nicht zuletzt wegen des viel leichteren Transports, müssen auch daher rührende Umweltnachteile berücksichtigt werden, die bei Leitungswasser völlig entfallen. Erstens sind PET-Flaschen nicht völlig gasdicht, so dass Kohlendioxid (der „Sprudel“) langsam entweichen kann. Zweitens werden nicht alle Flaschen stofflich wiederverwertet. Und drittens schaffen die mehrfach wiederbefüllten PET-Flaschen ein neues Problem, weil nicht wenige Verbraucher problematische Flüssigkeiten wie altes Motorenöl oder Lösungsmittel in ihnen zwischenlagern, bevor sie die Gebinde an den Handel zurückgeben. Hier bleibt nur die Hoffnung, dass die Abfüller solche Schmuddelflaschen zu 100 Prozent aussortieren können.

Der Vorwurf, dass sich Schadstoffe aus dem Kunststoff der PET-Flaschen löst, ist nach wie vor umstritten; manche Gefahren sind womöglich übertrieben dargestellt worden oder inzwischen beseitigt oder gemindert. Dennoch warnt etwa das bayerische Verbraucherschutzministerium noch immer: „Im Gegensatz zu Glasflaschen können PET-Flaschen Restmonomere, Additive und andere Komponenten an das Füllgut abgeben und dort für den Verbraucher unerwünschte Belastungen verursachen.“ Leitungswasser kommt hingegen ohne jede Verpackung aus.

Was dessen gelegentliche Chlorung durch manche Wasserwerke vor allem im Sommer anlangt: Auf diese Weise werde Trinkwasser inzwischen „nur noch selten“ vor einer Verkeimung geschützt, heißt es beim „Forum Trinkwasser“. Der Zusatz von Chlor sei „in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen“, und die im Wasser vorhandene Restchlormenge stelle „keinerlei Risiko für die Gesundheit unserer Kinder dar“.

www.warentest.de; www.oekotest.de

Leitungswasser – ein absoluter Billigheimer

Gutes Leitungswasser kann sich hierzulande jeder leisten – zum Glück und anders als in vielen armen Ländern der Welt, wo viele Menschen täglich an verseuchtem Wasser sterben und der Mangel an gesundem Nass zunehmend Kriege heraufzubeschwören droht.

Nach Angaben des swb-Kundencenters Bremerhaven kostet ein Kubikmeter Frischwasser in der Seestadt 1,97 Euro, ein Liter Abwasser schlägt mit stolzen 3,26 Euro zu Buche – zusammen also 5,23 Euro, also je Liter 0,523 Cent. Zum vergleich Hamburg: Hier zahlt man umgerechnet 0,424 Cent.

„Die hervorragende Qualität des deutschen Trinkwassers ist weltweit anerkannt“, heißt es beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. Bei keinem anderen Lebensmittel habe der Schutz des Verbrauchers „einen derart hohen Stellenwert wie beim Trinkwasser“.

Vorsicht geboten ist jedoch in Regionen, deren Gesteine radioaktives Radon ins Grundwasser abgeben – in Deutschland trifft das hauptsächlich auf die Mittelgebirge aus Granitgestein zu, etwa den Granit-Schwarzwald, den Bayerischen Wald, das Erz- und das Fichtelgebirge.

Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch hat obendrein schon mehrfach eine verpflichtende Untersuchung des Trinkwassers auf Uran angemahnt. Etwa jedes zehnte von Foodwatch unter die Lupe genommene Mineralwasser enthalte mehr als zwei Mikrogramm (Millionstel Gramm) Uran pro Liter. Bedenklich sei dies vor allem für Kleinkinder.

Artikel vom 20.03.10 - 11:00 Uhr
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