Nachdem Friedrich Busse 1885 den ersten deutschen Fischdampfer, die „Sagitta“, auf die erste Fangreise geschickt hatte, „errichtete er drei Jahre später ein Eishaus am Holzhafen. Und er ließ Eisteiche anlegen“, weiß Geschäftsführerin Helga Düring aus der Entwicklung der Eiswerke zu berichten. „Denn Ende des 19. Jahrhunderts schuf die neue Fischkonservierungsmethode mit Eis erweiterte Absatzmöglichkeiten.“ Mit dem Bau des Fischereihafens sei von Busse dann 1896 ein Eisteich im Vordeichgelände angelegt worden, und hinter dem Deich, an der Gärtnerstraße, entstand ein Eisschuppen. „Dort wurde das im Winter gewonnene Eis für den Sommer gelagert“, erzählt Düring. Die Entwicklung schritt voran. „Unser heutiges Eiswerk an der Oststraße wurde 1911 gebaut“, so Düring. „Wann genau die Produktion aufgenommen worden ist, wissen wir leider nicht. Es fehlen die Unterlagen“, bedauert die Geschäftsführerin, die seit 1994 den Betrieb führt.
Anfang der 20er Jahre war die Eisproduktion noch echte Knochenarbeit. 70 bis 75 Mitarbeiter arbeiteten in dem Unternehmen. „Damals wurden 2,50 mal 3,50 Meter große Eisplatten produziert“, erzählt Düring. „Die Eisplatte wurde dann hochgehievt und fallengelassen. Der Rest musste mit Muskelkraft in kleine Stücke gebrochen werden.“
41 Jahre hat Friedrich Deutsch im Eiswerk gearbeitet. „Von 1966 bis 2007“, berichtet der 69-Jährige, der sich noch gut an seinen damaligen Firmenchef Friedrich-Carl Busse, Urenkel des Gründers der deutschen Hochseefischerei, erinnern kann. „Er hat jeden mit Handschlag begrüßt. Und wenn man mal ein Problem hatte, auch privat, dann konnten wir ihn immer ansprechen“, betont Deutsch. „Gearbeitet haben wir damals im Blaumann, ohne Handschuhe. An den Füßen Gummistiefel, im Winter Holzschuhe.“ Abenteuerlich sei die Produktion des Stangeneises für die Kühlung der Bananen-Waggons gewesen. „Die Stangen haben wir nämlich aus großen Platten gesägt. Mit der Kreissäge“, erinnert sich der 69-Jährige. „Das war ganz schön glatt auf dem Eisboden. Aber schwere Unfälle hat es trotzdem nicht gegeben.“ Viel zu tun hatten die Arbeiter im Eiswerk in den 60er Jahren. „Da haben wir richtig schuften müssen. Manchmal hat es sich gar nicht gelohnt, extra nach Hause zu fahren. Dann haben wir einfach in der Stiefelbude ein paar Stunden geschlafen“, so Deutsch. „Die Zeiten möcht ich nicht wieder haben. Das war schon hart.“
Hergestellt wird das Eis heute in drei großen Zylindern. In jedem befinden sich 120 Röhren, die mit Trinkwasser befüllt werden. Gefrostet wird außen mit flüssigem Ammoniak auf minus 12 Grad Celsius. Nach dem Gefriervorgang wird heißes Hochdruckgas gegen die Rohrwände gepresst. Dadurch löst sich die Eisstange und fällt nach unten. Dort werden die vier Meter langen Stangen dann von einem Cutter in fünf bis sechs Zentimeter große Stücke zerkleinert und über ein Förderband in den Eisbunker transportiert. „Bis zu 400 Tonnen können wir dort lagern“, berichtet Düring. „Das Brucheis wird hauptsächlich in der Fisch- und Lebensmittelindustrie eingesetzt.“ Gut 50 Prozent der Produktion davon bleiben in der Region. Das Scherbeneis, hauchdünne Eisplättchen bis circa drei Millimeter Stärke, ist besonders gut für die Kühlung von Edelfischen geeignet. Der Grund: Durch das Verhältnis von großer Oberfläche zur geringen Masse setzt der Abschmelzprozess sofort ein. Produziert werden an der Oststraße aber auch Eiswürfel für die Gastronomie. Sauber verpackt in Beutel. „1999 haben wir rund 950 Tonnen Eis, in Beutel verpackt, für die US-Army produziert“, berichtet Düring. „In Tiefkühltransporten wurden die Beutel nach Mazedonien, Albanien, Griechenland und Kroatien geliefert.“ Möglich war das nur, weil das Eiswerk eine spezielle Zertifizierung für die US-Army besitzt. „Wir mussten schon vor zehn Jahren nachweisen, dass unser Eis nicht radioaktiv ist“, so die Geschäftsführerin. „Sonst hätten wir die Zulassung nicht bekommen.“
Mit der Einführung der Fischfangquoten sank der Bedarf an Eis im Hafen. „Wir mussten uns einen neuen Markt erschließen. Und das haben wir. Mit Erfolg“, ist Düring zufrieden.
„Wir haben nicht nur in Sachen Eis bundesweit einen guten Namen“, sagt sie stolz. „Insbesondere unsere leistungsstarke Schneeproduktion wird immer wieder gefordert.“ Kunden sind dabei die Betreiber von Rodelbahnen auf Weihnachtsmärkten genauso wie TV-Star Stefan Raab mit seiner Wok-WM. „Auch den Eisbären im Zoo am Meer haben wir schon gezeigt, wie es in ihrer Heimat aussieht.“
Mitarbeiter? Acht feste Mitarbeiter. Saisonal wird mit Zeitarbeitskräften aufgestockt