Crossing Over
Wayne Kramers vielschichtiger Episodenfilm "Crossing Over" wirft ein Schlaglicht auf all die namenlosen Menschen, die ein Ziel eint: in den USA ihr Lebensglück zu verwirklichen.

V:Senator, USA 2009, R: Wayne Kramer, D: Harrison Ford, Ray Liotta, Ashley Judd u.a.

Wayne Kramer hat sich mit seinem Episodenfilm "Crossing Over" (2009) ein wichtiges, ein ernstes Thema vorgenommen: Anhand mehrerer Einzelschicksale spielt er mit dem Traum illegaler Einwanderer, die kein Mittel scheuen, in ihrem Gelobten Land USA Fuß zu fassen. Gleichzeitig liefert er ein spannendes Stimmungsbild einer Nation, die sich ihrer eigenen Werte immer aufs Neue versichern muss. Wie ein Fels in der Brandung trägt Harrison Ford den vielschichtigen Film mit knorrigem Charme. Wenn auch stringent und ohne auffällige Längen erzählt wird, hätte es vermutlich nicht geschadet, einige der Handlungsstränge zu kappen.

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Im Episodendrama "Crossing Over" spielt Harrison Ford einen knorrigen Grenzbeamten mit dem Herz am rechten Fleck.
Bild von: Senator
Max Brogan ist ein Mann, dem man die Bürde seines Jobs ansieht: Längst ist es ihm peinlich, mit seinen jüngeren Macho-Kollegen bei den wilden Razzien in Hinterhof-Nähereien Angst und Schrecken zu verbreiten und durch die dicht gedrängten Reihen der Arbeiterinnen zu hetzen. Harrison Ford spielt den altgedienten Einwanderungsexperten der Polizei von L.A. als einen Mann mit dem Herz am rechten Fleck. Als er mal wieder eine Gruppe junger Mexikanerinnen kontrollieren muss, die von gewissenlosen Schleuserbanden über die Grenze verfrachtet wurden, findet Mireya Sanchez (Alice Braga) bei ihm ein offenes Ohr. Heimlich steckt sie ihm einen Zettel zu, auf dem der Aufenthaltsort ihres kleinen Sohns steht.

Brogan lässt die Angelegenheit keine Ruhe: Als die junge Mutter längst wieder über die Grenze abgeschoben wurde, treibt er den Jungen auf und fährt ihn in seiner Freizeit eigenmächtig zurück zu seinen Großeltern. Dort ist die Bestürzung groß: Aus Angst um ihr Kind und in der Hoffnung auf ein besseres Leben hat sich Mireya längst wieder in Richtung USA auf den Weg gemacht.

Ein ähnlich beklemmendes Schicksal verbindet die australische Schauspielerin Claire Shepard (Alice Eve) mit ihrer neuen Wunschheimat Los Angeles: Sie braucht dringend eine Arbeitsgenehmigung. Andernfalls ist für sie der Traum von einer Hollywood-Karriere ausgeträumt. Durch Zufall gerät sie an den Verwaltungsbeamten Cole Frankel (Ray Liotta). Und der unterbreitet ihr ein höchst unmoralisches Angebot: Alice kann sich ihre Green Card bei ihm ganz persönlich verdienen - und zwar als seine Mätresse.

Kein ganz unproblematisches Verhältnis zu ihrer amerikanischen Identität hat die junge Muslima Taslima (Summer Bishil), deren Eltern aus Bangladesch stammen. In der Schule lässt sich die Klassenbeste zu einem rhetorisch gewagten Aufsatz provozieren: Mit zitternder Stimme, aber innerlich fest von ihrem Standpunkt überzeugt, will sie ihre Klassenkameraden davon überzeugen, dass die Terroristen, die die Flugzeuge ins World Trade Center flogen, eben keine Feiglinge, sondern Überzeugungstäter waren. Ihre Sophistereien kommen bei ihren Mitschülern und der Lehrerin naturgemäß alles andere als gut an: Schon am nächsten Tag steht die Polizei bei Taslimas Eltern vor der Tür. Der Familie droht die Abschiebung.

Regisseur Wayne Kramer, der bereits mit dem eigenwilligen Las-Vegas-Melodram "The Cooler - Alles auf Liebe" (2003) einen spannenden Blick auf die Schattenseiten der amerikanischen Psyche geworfen hat, wagte mit "Crossing Over" den ganz großen Wurf, was ihm in weiten Teilen auch gelang. Kunstvoll verwebt er mit dem bei kalifornischen Stoffen offenbar unvermeidbaren "Short Cuts"-Prinzip gleich mehrere Handlungsstränge, die ähnliche Themen abhandeln: die Sehnsucht vieler Außenstehender, in das vermeintliche Paradies USA eingelassen zu werden, und die Identitätskrisen und die innerliche Leere, die die Bewohner der Sehnsuchtsrepublik zu verkraften haben.

Einige Erzählstränge gehen stärker an Herz - so zum Beispiel die hilflosen Rettungsbemühungen Harrison Fords. Einige weitere - etwa ein Schwerpunkt rund um eine koreanische Einwandererfamilie - werden etwas zu flüchtig erfasst. Während der Film tolle Bilder findet, um die Unwirtlichkeit der Grenzregion mit seinen menschenfeindlichen Highways und Straßenschluchten einzufangen (Kamera: James Whitaker), dürfte die unvermeidliche Fahnensymbolik und das etwas zu dick aufgetragene Gutmenschen-Pathos einigen Zuschauern sauer aufstoßen. Immerhin bemüht sich der Film um schonungslosen Realismus: Das führt dazu, dass Harrison Ford in emotionalen Schlüsselszenen Spanisch sprechen muss. Und das gelingt ihm gar nicht mal schlecht.
teleschau der Mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Starttermin: 25.06.2009
Freigabealter: 16
Verleih: Senator
Originaltitel: Crossing Over
Laufzeit: 113 Min.

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Auf einer Razzia führt Einwanderungspolizist Max Brogan (Harrison Ford, Mitte) die Mexikanerin Mireya Sanchez (Alice Braga) ab.
Bild von: Senator
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Max Brogan (Harrison Ford) kümmert sich um das Schicksal von illegalen Einwanderern in Los Angeles.
Bild von: Senator
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Harter Polizeieinsatz: Max Brogan (Harrison Ford, rechts) macht für die Einwanderungsbehörde Jagd auf Schlepperbanden in Los Angeles.
Bild von: Senator
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Der gewissenlose Verwaltungsbeamte Cole Frankel (Ray Liotta) nützt die Verletzlichkeit von illegalen Einwanderern aus.
Bild von: Senator
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Die Schauspielerin Claire Shepard (Alice Eve) setzt im Tausch für eine Arbeitserlaubnis ihre körperlichen Reize ein.
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