Die Qual hat der Wal
Dr. Karsten Brensing erklärt die Verlärmung der Meere und "Das Geheimnis der Wale" (So., 3.1., und Mo., 4.1., 20.15 Uhr, ZDF)
Am Meer genießt der Mensch gerne die Ruhe. Kaum ein Zweibeiner ahnt, welcher Krach unter der sanft rauschenden Wasseroberfläche herrscht: verursacht durch Schiffsschrauben, militärische Sonare und seismische Verfahren, bei denen mit Hilfe von Schallwellen nach Erdöl- und Erdgasquellen unter Wasser gesucht wird. Der Lärm hat sich in den letzten vier Jahrzehnten jeweils verdoppelt. Für Wale und Delfine, die sich mit ihrem Gehör orientieren, ist das lebensbedrohlich. Das ZDF verschafft dieser weitgehend unbekannten Umweltproblematik am So., 03.01., und Mo., 04.01., mit dem zweiteiligen Fernsehfilm "Das Geheimnis der Wale" Gehör. Dr. Karsten Brensing, Meeresbiologe der Whale and Dolphin Conservation Society (WDCS) war Fachberater für die teamWorx-Produktion.

Meeresbiologe Dr. Karsten Brensing arbeitet für die internationale Wal- und Delfinschutzorganisation WDCS (Whale and Dolphin Conservation Society) und stand der Produktion als Fachberater zur Verfügung.
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teleschau: Welche Aufgabe hatten Sie als Fachberater beim ZDF-Film "Das Geheimnis der Wale"?
Karsten Brensing: Ich gab zum Beispiel Tipps, wie man spezielle Unterwasser-Lautsprecher baut, und beriet Mario Adorf, der im Film den Meeresbiologen spielt. Vor allem aber wurde ich anfangs gebeten, noch einige reale Details in das Drehbuch einzubringen.
teleschau: Was haben Sie eingebaut?
Brensing: Der Zeitpunkt, zu dem ich von teamWorx angesprochen wurde, war geradezu perfekt. Denn ein paar Monate zuvor gab es eine seismische Exploration in deutschen Gewässern, auf der Doggerbank in der Nordsee. Da hatten wir eine Situation, die ich fast eins zu eins in diese Geschichte übertragen konnte: Wie im Film gingen die Meinungen der Gutachter auseinander. Es gab ein Gutachten, das von der Ölfirma in Auftrag gegeben worden war und besagte, es könne dort ohne Probleme eine seismische Untersuchung stattfinden. Ein Gutachten vom Bundesamt für Naturschutz besagte das Gegenteil. Die Doggerbank war zu der Zeit bereits zum Naturschutzgebiet erklärt worden. Vor unserer Haustüre war extra ein Schutzgebiet für Schweinswale ausgerufen worden, immerhin unsere einzige einheimische Walart. So floss deutsche Realität in den Film mit ein, der in Neuseeland spielt.
teleschau: Warum konnte die Untersuchung in der Nordsee trotzdem stattfinden?
Brensing: In Deutschland ist es so, dass alles, was mit Bergbau zu tun hat, vom Bergamt nach Bergrecht beschieden wird. So wurde die Genehmigung erteilt. Das ist ein echter Skandal. Das war auch der Grund, warum wir als WDCS damals gemeinsam mit anderen Verbänden an die Europäische Kommission schrieben. Das ist immer noch in Arbeit.
teleschau: Wie kann sich der Lärm auf die Wale auswirken?
Brensing: Der Film konzentriert sich auf die Spitze des Eisbergs: gestrandete Tiere. Dass Wale wegen Lärm stranden, ist bewiesen - allerdings nur im Zusammenhang mit Lärm, der von militärischen Sonaren verursacht wird. Wir wissen aber auch, dass Seismik und der Bau von Industrie-Anlagen auf dem Wasser, also auch Windkraftanlagen, vergleichbar laut sind. Es ist anzunehmen, dass auch das einen Einfluss auf die Tiere hat. Das kann von zeitweiliger bis hin zu permanenter Taubheit reichen. Vielleicht werden sie auch aus ihrem Lebensraum vertrieben. Und das kann den Ausfall der Nachzucht von einem Jahr bedeuten. Bei ohnehin schon gefährdeten Populationen kann das richtig gefährlich sein. Wenn ich daran denke, dass Deutschland so viele Windkraftanlagen draußen bauen will - wenn wir das nicht einigermaßen leise hinbekommen, dann klingt es in der gesamten Nordsee wie auf einer Baustelle, nur viel lauter.
teleschau: Von Ihnen stammte die Drehbuch-Idee, auch die Hauptdarstellerin im Film einen Hörschaden erleiden zu lassen und so eine Parallele herzustellen. Der Mensch hat ein weit weniger ausgeprägtes Gehör und unter Wasser breitet sich Schall viel weiter aus - Wie kann man sich als Mensch also diesen Lärm vorstellen?
Brensing: Es ist schwer vergleichbar. Man kann es sich vielleicht so vorstellen: Wenn man zum Beispiel ein bestimmtes militärisches Gerät, ein sogenanntes Low Frequency Active Sonar, in Moskau anschalten würde, dann wäre es in Deutschland so laut, dass man sich kaum mehr unterhalten könnte. So etwas gibt es an Land überhaupt nicht. Im Meer hat der tieffrequente Lärm einen Wirkungsradius von über 1.000 Kilometern. Wissenschaftler haben den Kommunikationsbereich des Blauwals hochgerechnet. In der Zeit, bevor es die Schifffahrt gab, hatte er einen Radius von 1.000 Kilometern Rufweite. Nicht so wie wir Menschen von vielleicht 200 Metern. Er konnte Artgenossen auf 1.000 Kilometer finden - auch das Mädel, mit dem er sich paaren wollte. Jetzt sind es 100 Kilometer. Das ist vielleicht eine Ursache dafür, warum Blauwale mit ihrer Reproduktionsrate so schlecht dastehen.
teleschau: Kann sich ein Fernsehdrama eignen, um dem Publikum das Problem bewusst zu machen?
Brensing: Es ist kein Dokumentarfilm, sondern eine fiktionale Geschichte, die viel Spielraum für Liebe und Thrill lässt und Sonntagabendatmosphäre schafft. Szenen, bei denen ich der Meinung war, sie hätten ein bisschen blutiger sein müssen, sind nicht drin. Es ist ein spannender Film mit viel Gefühl und einer traumhaften Kulisse. Ich glaube, dass er gerade deswegen viele Leute erreicht, denen sich dieses Thema sonst vielleicht nicht unbedingt erschlossen hätte.
teleschau: Was könnte oder sollte er darüber hinaus bestenfalls bewirken?
Brensing: Die Zuschauer können sich auf unserer Webseite wale.org genauer informieren und unsere Petition dort unterschreiben. Die Verlärmung der Meere ist ja ein globales Problem. Der Film soll auch international verkauft werden. Für mich ist aber erst einmal das Entscheidende, was man in Deutschland damit macht. Ich möchte zum einen erreichen, dass wir unser deutsches Gesetz dahingehend ändern, dass das Bergamt solche Entscheidungen nicht treffen darf. Dafür gibt es kompetentere Behörden. Ich gehe ja auch nicht zum Automechaniker, wenn ich Zahnschmerzen habe. Das andere betrifft ein eher langfristiges Problem: Durch die Abschmelzung der Pole werden auch wir Deutschen durch unser technisches Know-how praktisch an der Exploration der Arktis beteiligt sein. Unter vielen Firmen herrscht da Goldgräberstimmung. Dass die Arktis abschmilzt, ist für die wie eine Bonanza. Es ist aber auch ein sehr empfindliches Ökosystem. Wir könnten dort so viel zerstören, das ist heute gar nicht vorstellbar.
teleschau: Das klingt ja so, als würde die Situation eher schlimmer als besser?
Brensing: Viel, viel schlimmer. Deshalb lassen wir auch einen der Bösen im Film sagen: "Wenn wir hier nicht dürfen, fahren wir eben in die Arktis." Damit wird auch hier noch einmal Bezug darauf genommen, dass sich die Goldgräberstimmung nicht mehr auf Neuseeland oder Afrika konzentriert, sondern in Regionen vordringt, in die man bisher aufgrund des finanziellen Aufwands nicht wollte. Das ändert sich jetzt.
teleschau: Ist Ihr Kampf oft buchstäblich einer gegen Windmühlen? Die Wale haben kaum eine Lobby ...
Brensing: In dem Bereich, in dem ich direkt aktiv bin, bin ich auch relativ erfolgreich. Zum Beispiel gibt es jetzt in Europa ein neues Umweltgesetz, die Meeresrahmenrichtlinie. Zu diesem Thema habe ich eine Machbarkeitsstudie erarbeitet. Ich durfte mir sozusagen für die Bundesregierung ausdenken, wie sie dieses Gesetz am besten umsetzt. Das ist das erste Mal, dass vom Menschen gemachter Lärm als Umweltparameter im Meer überhaupt betrachtet wird. Das ist ein absoluter Durchbruch und ein Verdienst von uns Umweltorganisationen. Jetzt müssen wir zusehen, das so zu entwickeln, dass die Industrie nicht mehr daran vorbei kann.
teleschau der Mediendienst
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Meeresbiologe Dr. Karsten Brensing freut sich, dass das Problem der Verlärmung der Meere durch die Filmproduktion einmal Gehör in der Öffentlichkeit finden soll.
Bild von: teleschau

Schauspieler Mario Adorf (links) ließ sich vom Meeresbiologen Dr. Karsten Brensing vieles erklären - und fuhr zum Beispiel zusammen mit ihm raus zum Whale Watching.
Bild von: teleschau

Veronica Ferres (links) und Alicia von Rittberg spielen in "Das Geheimnis der Wale" Mutter und Tochter, die in Neuseeland für das Wohl der Wale kämpfen.
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Veronica Ferres und Christopher Lambert prangern in "Das Geheimnis der Wale" die Ausbeutung des Meeres an.
Bild von: ZDF / Boris Guderjahn

Im ZDF-Zweiteiler "Das Geheimnis der Wale" machen Veronica Ferres (rechts) und Alicia von Rittberg auf die Verlärmung der Meere aufmerksam.
Bild von: ZDF / Kelly Walsh

Mit Hilfe eines Schallmessgeräts ermitteln Bioakustiker wie Dr. Karsten Brensing den Lärm im Meer.
Bild von: Brensing - WDCS

Das Schallmessgerät soll den Meeresbiologen Informationen über den Lärm im Meer liefern.
Bild von: Brensing - WDCS