Montag, 14.12.2009 - ARD: 21.00 Uhr
Der Amoklauf von Winnenden
Verarbeitung eines Traumas

Eine Bluttat, die die Republik erschütterte: Am Vormittag des 11. März 2009 betritt der 17-jährige Tim K. die Räume der Albertville-Realschule in der schwäbischen Kreisstadt Winnenden und eröffnet mit einer Pistole das Feuer auf seine Lehrer und Mitschüler. Der junge Mann, der später als verschlossener Außenseiter beschrieben wurde, aber vor seinem mörderischen Amoklauf wieder einmal niemandem aufgefallen war, setzt seinen Rachetrip vor der Schule fort, erschießt einen Passanten und zwingt einen Autofahrer, ihn nach Wendlingen zu fahren. Dort tötet er in einem Autohaus weitere Unschuldige und richtet sich gegen 13 Uhr schließlich selbst. Auch etwas mehr als ein halbes Jahr danach herrscht in Winnenden immer noch Fassungslosigkeit. SWR-Reporter Stefan Maier hat für seine eindringliche Dokumentation, die im Ersten ausgestrahlt wird, Hinterbliebene und Augenzeugen besucht und recherchiert, welche seelischen Wunden der Amoklauf hinterlassen hat.

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Die Schülerin Elena Altmann aus Winnenden hat drei Freundinnen verloren und wurde beim Amoklauf in der Kleinstadt selbst schwer verletzt.
Bild von: SWR
Eine Stadt im Schockzustand: Stefan Maier, der selbst am 11. März rund um die Uhr am Ort des Geschehens war, fängt in seiner einfühlsamen Spurensuche am Tatort Winnenden Stimmen von Mitschülern, Geschwistern, Lehrern an der Albertville-Realschule und anderen Betroffenen ein. Auch dem Filmemacher lässt der mörderische Märztag weiterhin keine Ruhe. "So eine Geschichte darf man nicht vernachlässigen", erklärt der SWR-Reporter. "Wenn es immer nur zu den Gedenktagen Berichte gibt, ist das für die Betroffenen schmerzhaft." Deshalb hat er sich für behutsames Nachforschen mit dreimonatigen Vorrecherchen jenseits der "offiziellen Gedenktage" entschlossen.

"Vielen Menschen tut es gut, über die Ereignisse zu reden", war trotz aller Befangenheit vor Ort sein ermutigendes Fazit. Besonders beklemmende Erlebnisse hat Elena Altmann mitgemacht, mit der Maier längere Gespräche vor und hinter der Kamera führte. Drei Freundinnen hat das Mädchen durch den Todesschützen verloren. Heute pflegt sie ein sehr enges Verhältnis zur Mutter ihrer toten Freundin Kristina. "Wir hatten bei allen Gesprächen im Vorfeld ausgemacht, wo vor der Kamera die Grenzen sind", erzählt Maier. Dennoch fiel es ihm nicht schwer, vor Ort mit Betroffenen in den Dialog zu treten - mit schockierenden Erkenntnissen: Die Zahl derjenigen, die auch Monate nach dem Amoklauf ohne Hilfe auszukommen versuchen, obwohl therapeutische Betreuung dringend geboten wäre, erstaunte Stefan Maier. "Da sind viele Menschen darunter, an die man zuerst gar nicht dachte", sagt er und berichtet von traumatisierten Helfern, überforderten Bestattern und dem Hausmeister, der sich nicht mehr ins Schulgebäude traut.

Schon bald wurde in Winnenden der Ruf nach einer Verschärfung der Waffengesetze und nach Verboten für gewaltverherrlichende Killerspiele laut, die der Todesschütze gesehen haben soll. Mehrere Eltern der Amok-Opfer wandten sich mit einem bewegenden Offenen Brief an die Öffentlichkeit und die Regierung. Dass viele Hinterbliebene, die sich etwa im Aktionsbündnis Winnenden organisiert haben, ihre Trauer durch politisches Engagement bewältigen wollen, beeindruckt Stefan Maier tief. "Es ist erstaunlich, wie viel Kraft bei diesen Menschen entstanden ist. Die ist auch heute noch deutlich spürbar."

Weiterhin wird gerichtlich über die Fragen einer Teilschuld von Tims Eltern gestritten. Aktuell sorgt ein neues Gutachten zur Psyche des Täters für Wirbel. Der Gerichtsgutachter Peter Winckler aus Tübingen kritisiert in seinem neuen Täterpsychogramm einige "Spekulationen", die zuvor von dem Psychiater Reinmar du Bois im Auftrag der Staatsanwaltschaft Stuttgart aufgestellt wurden. Dass Tim etwa unter masochistischen Sexualfantasien gelitten hätte, wird in dem neuen Gutachten bestritten. Auch die Frage, ob die Eltern von seinem Tötungsplan wissen konnten, muss offenbar weiter diskutiert werden. In Winnenden kehrt noch keine Ruhe ein.
teleschau der Mediendienst


Der Staatsfeind Nr. 1
Heute keine Entlassung


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Elena und ihre Freundin Kristina (links) aus Winnenden: Die eine Schülerin wurde schwer verletzt, Kristina starb beim Amoklauf.
Bild von: SWR
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Spenden sich gegenseitig Trost: Elena und die Mutter ihrer getöteten Freundin Kristina.
Bild von: SWR
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Spuren des Grauens: Auf dem Dorffriedhof von Weiler zum Stein bei Winnenden liegen vier Opfer des Amokläufers begraben.
Bild von: SWR

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