Viel Zeit zum Nachdenken hat die junge Mutter aber nicht. Auf dem Sofa tobt Marie mit ihrer älteren Schwester Madleen – genau das Richtige zum 6. Geburtstag. Die Wohnung ist voller Gäste.
Es ist ein ganz besonderer Tag, dieser Sonntag gestern in dem kleinen Haus an der Reitwiesenstraße. Die Familie ist beisammen, Oma und Opa selbstverständlich. Sogar Bürgermeister Peter Pommer ist gekommen. Glückliche Gesichter. Kuchen gibt’s und Geschenke. Marie mittendrin. Das Haar auf ihrem Kopf ist nachgewachsen, schimmert rötlich. Sie lächelt. Alle sind nur für sie da.
Nach der Operation im März vergangenen Jahres an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) brauchen die Zellen im Hirn noch viel Zeit, sich nachzubilden. 13 Stunden hatten die Neurochirurgen in der Landeshauptstadt seinerzeit operiert, um das Geschwulst zu entfernen. Es war die fünfte Operation – die erfolgreichste. Nach Hannover folgte der Wechsel in die Rehabilitationsklinik nach Geesthacht: sechs Wochen Intensiv-Behandlung. Seit Mai 2009 ist Marie wieder daheim. Immer noch bekommt sie eine leichte Chemotherapie.
„Das wird werden“, sagt Vater Sven Mahncke ganz fest und erzählt froh von der regelmäßigen Behandlung durch eine Logopädin, von den ersten zaghaften Sprechversuchen und davon, dass die Kleine seit Monatsbeginn einen Platz im integrativen Kindergarten in Debstedt erhalten hat. „Die haben viel Zeit für fachgerechte Betreuung“, weiß der 37-Jährige. Hier werde Marie auch der Umgang mit dem Sprachcomputer beigebracht, den die Krankenkasse zur Verfügung gestellt hat. „Das Ding ist ziemlich kompliziert“, erzählt die Mutter, „vielleicht noch zu früh für ihr Alter.“ Alles braucht eben seine Zeit. Und Marie braucht mehr davon als andere Kinder.
Im Hintergrund blubbert die Maschine, die dem tapferen Mädchen über die Kanüle kontinuierlich Sauerstoff liefert. Zwar kann sie auch ohne mechanische Hilfe sein, doch nur stundenweise. Sie röchelt, sobald der Schleim die Luftröhre anfüllt – Folge der gestörten Schluck-Abläufe. Doch die Kleine lässt sich nicht unterkriegen, hat leben gelernt mit diesen Beeinträchtigungen. Jetzt geht’s mit Madleen erstmal auf den nächsten Stuhl im Wohnzimmer. Hier wartet „Aron“, die Diddle-Maus. „Das ist ihr Lieblingskuscheltier“, verrät die Schwester. Kein Wunder: Aron ist Maries bester Freund im Ort.
Vor einigen Tagen waren die Eltern mit ihrer Tochter zur Kernspin-Tomografie in Cuxhaven. „Alles in Ordnung“, sagt Bianca Mahncke. Sie klingt erleichtert. Am Donnerstag geht’s zu einer weiteren Untersuchung in die Neurochirurgie ans MHH. „Alle sechs Monate muss Marie da hin.“ Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt der Vater. Er und seine Frau haben schweren Zeiten erlebt. Die Belastungen durch Maries Krankheit führten Anfang des Jahres zu einer kurzen Trennung.
Marie ist ein lebensfrohes Kind. Und ein hungriges dazu. Aber wer viel Kuchen ist, muss sich auch bewegen. Zumal im Garten noch Schnee liegt. Bianca Mahncke hilft dem Geburtstagskind in die Wintersachen. Dann geht’s raus. Madleen zieht ihre Schwester im Schlitten durch den Garten. Sie lachen. Und Marie zeigt mit dem spitzen Finger in die Luft. Es ist ihr 6. Geburtstag. Es ist ein ganz besonderer Tag…
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